Editorial Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Gerd Laux

Pharmakotherapie und -versorgung im Wandel?

Übersicht Matthias D. G. Lindenau, Hamburg*

Epilepsien – Absetzen von Antikonvulsiva

Epilepsien gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Bei den meisten Patienten ist eine langfristige Therapie mit Antikonvulsiva erforderlich. Die vielfältigen Ursachen der Epilepsien bedingen sowohl unterschiedliche Therapien als auch eine differenzierte Prognose. Da randomisierte prospektive Studien zum Absetzen von Antikonvulsiva im Erwachsenenalter fehlen, kommt eine aktuelle Cochrane-Analyse zu dem Schluss, dass eine individualisierte Beratung anhand der bisher verfügbaren Daten erforderlich ist. Drei typische Patientenbeispiele im Artikel sollen dies illustrieren.
Schlüsselwörter: Epilepsie, Antikonvulsiva, Absetzen
Psychopharmakotherapie 2017;24:100–6.

English abstract

Epilepsy: withdrawal of antiepileptic drugs

Epilepsy is one of the most common neurological diseases. Most patients need continuous therapy with antiepileptic drugs. The manifold etiologies lead to different therapy strategies as well as prognoses. Because of lacking randomized controlled studies a recent Cochrane analysis summarizes that an individualized consultation concerning antiepileptic drug withdrawal is appropriate.

Key words: Epilepsy, antiepileptic drugs, withdrawal

Originalarbeit Jürgen Fritze, Frankfurt am Main, Claudia Riedel, Angelika Escherich, Peggy Beinlich, Karl Broich und Thomas Sudhop, Bonn

Antidementiva: Spektrum der Verordnung und Morbidität

Explorative Analyse anhand einer Vollerfassung der Abrechnungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung

In einem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt wird der Off-Label-Use häufig verordneter Arzneimittel in einer Vollerfassung der Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung (Daten nach §§303a ff. SGB V) untersucht, um Erkenntnisse einerseits über seine Häufigkeit und Art zu gewinnen und andererseits Ansätze für gezielte Forschung für seltene Krankheiten gemäß dem Nationalen Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE) zu identifizieren. Die Analyse für die Verordnungen verschiedener Antidementiva in den Jahren 2010 und 2011 ergab, dass Donepezil, Galantamin, Memantin, Nicergolin, Piracetam und Rivastigmin wahrscheinlich zu etwa 28%, 26%, 35%, 50%, 62% bzw. 18% im Wege des Off-Label-Use verordnet worden waren. Dieser galt bei Donepezil, Galantamin und Rivastigmin am ehesten anderen, insbesondere vaskulären Demenzen, bei Piracetam und Nicergolin darüber hinaus Störungen, die traditionell mit „Durchblutungsstörungen“ in Zusammenhang gebracht werden wie Tinnitus und Hörsturz. Jeweils weit über 99% der Patienten waren im Beobachtungszeitraum ausschließlich ambulant behandelt worden. Der Off-Label-Use aufgrund der Überschreitung von Altersbeschränkungen war gering. Jenseits der unmittelbar mit den zugelassenen Anwendungsgebieten zusammenhängenden bzw. den mutmaßlich den Off-Label-Use motivierenden Morbidität zeigte sich keine Häufung anderer Komorbiditäten. Als seltene Krankheiten, die einen Off-Label-Use hätten motiviert haben können, wurden frontotemporale Demenzen, möglicherweise auch mit amyotropher Lateralsklerose assoziiert, und Chorea Huntington identifiziert.
Schlüsselwörter: Antidementiva, Donepezil, Galantamin, Memantin, Nicergolin, Piracetam, Rivastigmin, Off-Label-Use, Nationaler Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen, NAMSE
Psychopharmakotherapie 2017;24:107–18.

English abstract

Antidementia drugs: Spectra of prescribing and morbidities

In an ongoing project supported by the Federal Ministry of Health (BMG) off-label-use of pharmaceuticals with high prescription rates is investigated in a database comprising all citizens covered by public sick funds, i. e. almost 90% of the German population. The focus is on prevalences and indications as well as on the identification of off-label-use specifically addressing rare diseases in the context of the Action Plan of the National Action League for People with Rare Diseases (NAMSE). In the years 2010 through 2011 among antidementia drugs donepezil, galantamine, memantine, nicergoline, piracetam and rivastigmine had been used off-label in 28%, 26%, 35%, 50%, 62%, and 18%, respectively, donepezil, galantamine, memantine, and rivastigmine essentially addressing vascular dementias and nicergoline and piracetam additionally addressing disorders supposedly resulting from „deficient circulation“ like tinnitus and sudden loss of hearing. Far more than 99% had exclusively been treated as outpatients. Off-label-use due to violation of age limits was rare. Beyond the diagnoses putatively underlying in- and off-label-use, respectively, there were no comorbidities specifically attributable to the antidementia drugs. Rare diseases detected as putative reasons for off-label-use included frontotemporal dementias, possibly also associated with amyotrophic lateral sclerosis, and Huntington’s chorea.

Key words: antidementia drugs, donepezil, galantamine, memantine, nicergoline, piracetam, rivastigmine, off-label-use, National Action League for People with Rare Diseases, NAMSE

Diskussionsforum Jürgen Fritze, Pulheim

Verordnung von Neuro-Psychopharmaka

Anmerkungen zum Arzneiverordnungsreport 2016

Wegen methodischer Probleme auch des AVR 2016 als Quelle pharmakoepidemiologischer Daten rechtfertigen sich Analysen auf Wirkstoffebene jedenfalls bei den Antidementiva nicht mehr. Seit Jahren imponiert das Wachstum der Antidepressiva und Antikonvulsiva. Die Gründe für die über die Jahre recht stabile und erhebliche Variabilität insbesondere der Verordnung von Psychopharmaka zwischen den Bundesländern bleiben unklar und warten auf Detailanalysen der – öffentlich nicht zugänglichen – Rohdaten.
Schlüsselwörter: Psychopharmaka, Antidementiva, Antiepileptika, Parkinsonmittel, Pharmakoepidemiologie
Psychopharmakotherapie 2017;24:119–21.

English abstract

Prescribing patterns of psychotropic and neurotropic drugs in Germany

Methodological concerns question the justification to base pharmacoepidemiological analyses on the Drug Prescription Report 2016 at least for antidementia drugs. The medical rationale of the heterogeneity of prescribing patterns within Germany is unclear and requires in-depth analyses of the raw data which are not available to the public.

Key words: psychotropic drugs, antidementia drugs, antiepileptics, Parkinson drugs, pharmacoepidemiology

Arzneimitteltherapiesicherheit Holger Petri, Bad Wildungen*, Der Abbau klassischer Antipsychotika (syn. first-generation antipsychotics, FGA) über Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzyme ist in unterschiedlichem Ausmaß von CYP2D6 und 3A4 abhängig. Obwohl über Jahrzehnte im klinischen Gebrauch, sind Kenntnisse über den genauen Metabolisierungsweg bei einzelnen Substanzen nicht vorhanden oder beruhen auf Ergebnissen aus In-vitro-Untersuchungen. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten dieser Wirkstoffgruppe zu den CYP-Enzymen dargestellt.

Analyse von CYP450-Wechselwirkungen: – kleiner Aufwand, große Wirkung

Das Interaktionspotenzial klassischer Antipsychotika

Psychopharmakotherapie 2017;24:122–5.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Depressionen im Alter

Wirksamkeit und Verträglichkeit von Antidepressiva bei Senioren

Depressive Symptome treten bei älteren Menschen häufig auf, Tendenz steigend. Die Behandlungserfolge der zur Verfügung stehenden Antidepressiva sind allerdings wenig zufriedenstellend; Remissions- und Ansprechraten unterscheiden sich häufig kaum vom Placebo-Effekt oder die Behandlung ist mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, wie ein systematischer Review und eine anschließende Metaanalyse zeigten. Effektivere und sicherere Therapiemethoden, gerade für ältere Patienten, sind deshalb dringend erforderlich.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Erhöhtes Risiko für spontane intrakranielle Blutungen

Die Anwendung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und allgemein von Antidepressiva mit einer starken Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme geht mit einem leicht erhöhten Risiko für intrakranielle Blutungen einher, so das Ergebnis einer großen Kohortenstudie. Dies gilt insbesondere für die ersten 30 Tage der Einnahme und bei gleichzeitiger Gabe von oralen Antikoagulanzien.

Referiert & kommentiert Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen

Major Depression

Lurasidon ist wirksam bei Depression mit gemischten Merkmalen

Patienten mit einer Depression und unterschwelligen manischen Symptomen wurden in einer 6-wöchigen doppelblinden Studie entweder mit Lurasidon oder Placebo behandelt. Primärer Wirksamkeitsparameter war die Änderung des Scores der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) vom Einschluss bis zum Endpunkt. Wichtigster sekundärer Parameter war die Änderung des Scores der Clinical Global Impression Scale, Teil Schweregrad der Erkrankung (CGI-S). Lurasidon verbesserte signifikant sowohl die depressiven als auch die manischen Symptome, die mithilfe der Young Mania Rating Scale (YMRS) beurteilt wurden. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen waren Übelkeit und Somnolenz.
(Mit einem Kommentar von Priv.-Doz. Dr. D. Angersbach, Wolfratshausen

Referiert & kommentiert Dr. Alexander Kretzschmar, München

Mikrobiom und Depression

Neue Erkenntnisse, neue Therapien?

In den vergangenen Jahren hat sich das Wissen um die enge Verzahnung des Darm-Mikrobioms mit dem menschlichen Immunsystem fast explosionsartig vermehrt. Dabei wächst auch die Erkenntnis, dass das Darm-Mikrobiom auch an der Pathogenese psychischer Erkrankungen beteiligt ist. Auf der vergangenen DGPPN-Jahrestagung beschäftigte sich ein Symposium mit der Bedeutung des Darm-Mikrobioms an der Entstehung und dem klinischen Verlauf von Depressionen sowie Therapieansätzen abseits der etablierten Behandlungswege.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg

Mäßige bis schwere Depressionen

Gesunde Ernährung hellt die Stimmung auf

Patienten mit einer mäßigen bis schweren Depression und einem ungesunden Ernährungsstil profitieren von einer Umstellung ihrer Ernährung mit viel Gemüse und wenig prozessierten Nahrungsmitteln. Das zeigt eine erste kleinere Studie.

Referiert & kommentiert Reimund Freye, Baden-Baden

Depression

Online-Psychotherapie: wertvolle Hilfe für Behandler

Die Major Depression hat längst den Status einer Volkskrankheit erlangt. Neben Psychopharmaka ist die Psychotherapie eine wichtige Säule der Behandlung. Allerdings liegt hierbei eine erhebliche Unterversorgung vor. Diese kann durch die Heranziehung von gut evaluierten Online-Psychotherapie-Angeboten zumindest gelindert werden. Es existieren mittlerweile evidenzgeprüfte Online-Dienste, die der persönliche Psychotherapeut als Unterstützung seiner Arbeit ansehen sollte – und nicht als Konkurrenz. Darüber hinaus ist die Depression auch als häufige Komorbidität – etwa vor dem Hintergrund einer Schizophrenie – mit besonderer Achtsamkeit anzugehen. Dies wurde bei einem von Servier unterstützten Symposium im Rahmen des DGPPN-Kongresses 2016 diskutiert.

Referiert & kommentiert Reimund Freye, Baden-Baden

Schizophrenie

Herausforderung Langzeittherapie: Kriterien und Lösungsmöglichkeiten

Die Langzeitbehandlung von Schizophrenie-Patienten wurde beim DGPPN-Kongress 2016 in einem von Lundbeck/Otsuka veranstalteten Satellitensymposium thematisiert. Dabei wurde die Applikation von Depot-Präparaten als eine noch zu wenig genutzte Form der Behandlung favorisiert, die keinesfalls nur als letzte Möglichkeit bei mangelnder Adhärenz anzusehen ist. Vielmehr ist es eine sichere und konveniente Form der Behandlung, die zu einer verbesserten Lebensqualität und Alltagsfunktionalität beiträgt, wie nun in der QUALIFY-Studie belegt wurde.

Referiert & kommentiert Dr. Claudia Bruhn, Schmölln

Pharmakogenetik

Genetische Unterschiede beeinflussen Haupt- und Nebenwirkungen

Patienten, die wegen einer Depression oder einer Schizophrenie mit den entsprechenden Arzneistoffen behandelt werden, sprechen häufig nur unzureichend auf die Medikation an oder tolerieren die Behandlung schlecht. Ursachen und mögliche Auswege aus dieser unbefriedigenden Situation wurden auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im November in Berlin diskutiert.

Referiert & kommentiert Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Multiple Sklerose

Fatigue ist das häufigste neuropsychologische Begleitsymptom

Mindestens zwei Drittel aller Patienten mit einer multiplen Sklerose (MS) leiden unter Fatigue. Eine frühzeitige Therapie mit Immunmodulatoren kann die Krankheitsprogression und damit auch die Fatigue verhindern bzw. reduzieren. Gut belegt ist nach den Ergebnissen der TOWER-Studie die Wirksamkeit von Teriflunomid auch im Hinblick auf die Fatigue-Symptomatik, so das Fazit eines von der Firma Sanofi Genzyme veranstalteten Pressegesprächs.

Referiert & kommentiert Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Dasotralin verringert den Schweregrad der Symptome bei Erwachsenen

In einer vierwöchigen Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie wurde die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Dasotralin, eines Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers, im Vergleich zu Placebo bei Erwachsenen mit ADHS untersucht. Primärer Wirksamkeitsparameter war die Änderung des Gesamtscores der ADHD Rating Scale, Version IV, vom Einschluss bis zum Endpunkt (Woche 4). Zu den sekundären Parametern zählte die Änderung des Scores der Clinical Global Impression Scale, Teil Schweregrad der Erkrankung (CGI-S). Nach vier Wochen hatten sich unter 8 mg/Tag Dasotralin beide Scores im Vergleich zu Placebo signifikant gebessert. Häufigste unerwünschte Wirkungen waren Insomnie, verminderter Appetit, Übelkeit und Mundtrockenheit.
(Mit einem Kommentar von Priv.-Doz. Dr. D. Angersbach, Wolfratshausen

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

Medikamenten-Verordnung und Suchtrisiko

Erwachsene Patienten mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung haben ein erhöhtes Risiko für Alkohol- und Substanzmissbrauch. Daran sollte auch bei der Verordnung von Methylphenidat gedacht werden. In einem von der Firma Medice veranstalteten Workshop tauschten Psychiater ihre Erfahrungen aus.

Referiert & kommentiert Dr. Jürgen Sartorius, Eitorf

Duchenne-Muskeldystrophie

Kausaler Therapieansatz bei Nonsense-Mutation im Dystrophin-Gen

Die Duchenne-Muskeldystrophie ist eine progressive Muskeldegeneration im Kindesalter, bei der infolge einer Mutation des betreffenden Gens ein Mangel des Proteins Dystrophin vorliegt. Bei Nonsense-Mutationen bewirkt der Wirkstoff Ataluren ein korrektes Ablesen des Gens, sodass das Protein dem Muskel in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Erfahrungen aus Studien und im klinischen Alltag mit über 600 Patienten belegen die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit der Substanz bei der Verzögerung der Progression, wie bei einem Symposium von PTC Therapeutics berichtet wurde. Ataluren ist für Kinder ab fünf Jahren zugelassen.