Editorial Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, München

Antidepressiva reduzieren Suizidrisiko!

Übersicht Kai G. Kahl und Ulrich Schweiger, Lübeck

Metabolisches Syndrom, Diabetesrisiko und psychische Erkrankungen

Epidemiologie, Risikofaktoren und Monitoring

Das metabolische Syndrom ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes mellitus, die zu den führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität zählen. Trotz intensiver Bemühungen um gesundheitliche Aufklärung und Etablierung von Präventionsprogrammen ist weltweit eine Zunahme des metabolischen Syndroms und dessen Folgeerkrankungen zu beobachten. Psychische Erkrankungen, besonders affektive und schizophrene Störungen, sind überzufällig häufig mit Diabetes mellitus und kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert. Eine ungesunde Lebensweise („lifestyle“), mangelnde Adhärenz an Therapieprogramme, überlappende pathophysiologische Mechanismen und genetische Faktoren wurden als Erklärung vorgeschlagen. In diesem Zusammenhang wurde auch auf metabolische Risiken einer Behandlung mit atypischen Neuroleptika hingewiesen. Im vorliegenden Artikel werden epidemiologische und pathophysiologische Aspekte des metabolischen Syndroms bei depressiven und schizophrenen Störungen beschrieben, und Hinweise für ein Monitoring von Patienten unter neuroleptischer Medikation gegeben.
Schlüsselwörter: Metabolisches Syndrom, atypische Neuroleptika, Major Depression, Schizophrenie Psychopharmakotherapie 2006;13:43–8.

Übersicht Nikolas Klein, Helene Wallner und Siegfried Kasper, Wien

Aripiprazol – ein partieller Dopamin-Agonist als neues Antipsychotikum

Eine kritische Standortbestimmung

Aripiprazol ist das derzeit neueste atypische Antipsychotikum. Es ist ein so genannter partieller Dopamin-Agonist und zeichnet sich dadurch – bisher einzigartig – als Stabilisator des Dopamin-Systems aus. Aufgrund dieses Wirkungsmechanismus erwartet man gute Effekte auf Positiv- und Negativsymptomatik ohne die störenden durch D2-Blockade vermittelten Nebenwirkungen. Klinische Kurz- und Langzeitstudien haben bereits die Wirksamkeit von Aripiprazol zur Behandlung schizophrener und bipolarer Störungen belegt. Aripiprazol hat insgesamt ein sehr günstiges Nebenwirkungsprofil, das sich häufig nicht von Plazebo unterscheidet.
Schlüsselwörter: Aripiprazol, Dopamin-Stabilisator, partieller Agonist, Schizophrenie, bipolare Störung
Psychopharmakotherapie 2006;13:49–54.

English abstract

Aripiprazole: a novel atypical antipsychotic acts as stabilizer of the dopamine system

Aripiprazole is a new atypical antipsychotic with a unique mechanism of action. It is a partial agonist to the D2 receptor and therefore acts as stabilizer of the dopaminergic system. Aripiprazole has been shown to have good efficacy on (a) treating positive and negative symptoms of schizophrenia and (b) treating bipolar disorders. Furthermore, aripiprazole has a favourable adverse event profile, which in many cases does not differ from placebo.

Keywords: Aripiprazole, dopamine stabilizer, partial agonist, schizophrenia, bipolar disorder

Originalarbeit Hermann Spießl, Matthias Dobmeier, Regensburg, Claus-Peter Ostermeier, Werneck, Harald Binder, Rita Schmid und Helmfried E. Klein, Regensburg

Subjektives Erleben von Psychopharmaka bei Patienten in stationärer Behandlung

In der vorliegenden Studie sollte das subjektive Erleben der Behandlung mit Psychopharmaka bei stationär-psychiatrischen Patienten erfasst werden. 570 Patienten der psychiatrischen Fachkliniken Regensburg und Werneck wurden mit der deutschen Version des Drug Attitude Inventory (DAI-10) befragt. Die Rücklaufquote betrug 78% (n=446). Aus Sicht von 63% der Patienten überwogen die guten Seiten der Medikamente. 30% der Befragten fühlten sich unter Psychopharmaka aber wie „im Tran“, 46% fühlten sich träge und müde. 35% der Patienten nahmen ihre Medikamente nicht aufgrund ihrer eigenen Entscheidung und 70% wollten die Medikamente nur nehmen, wenn sie krank sind. Signifikante Prädiktoren für positive Erfahrungen waren die Einnahme von Antidepressiva und von atypischen Antipsychotika, wobei aber kein signifikanter Unterschied zwischen atypischen und konventionellen Antipsychotika bestand. Da die subjektiven Erfahrungen ihrerseits prädiktiven Wert für das Behandlungsergebnis, die Compliance und die Lebensqualität haben, sollten sie in Klinik und Praxis vermehrt Berücksichtigung finden.
Schlüsselwörter: Psychopharmaka, Antipsychotika, Antidepressiva, psychiatrische Klinik
Psychopharmakotherapie 2006;13:55–9.

English abstract

Subjective response to psychotropic drugs in psychiatric in-patients

The aim of the study was to examine subjective response to psychopharmacological treatment in psychiatric in-patients. 570 patients in two psychiatric state hospitals were surveyed using the German version of the drug attitude inventory (DAI-10). The response rate was 78% (n=446). 63% of patients attribute more positive characteristics to psychotropic drugs in general. 30 % of patients feel like in a daze and 46% feel tired and sluggish. 35% of patients do not take medication of their own choice and 70% of patients report that they take medication only when they are sick. Significant predictors for positive experiences are the use of antidepressants and atypical antipsychotics, but there is no significant difference between atypical and conventional antipsychotics. As subjective response is predictive for treatment outcome, compliance, and quality of life, the patients’ experiences of psychotropic drugs should be taken into consideration more.

Keywords: Psychotropic drugs, antipsychotics, antidepressants, psychiatric hospital

Originalarbeit Wolfgang König und Gabriele Ziethe, Wasserburg a. Inn

Antipsychotische Behandlung und Compliance

Vorteile der Atypika?

Hintergrund: Fehlende Medikamentencompliance gilt als einer der Hauptgründe dafür, dass schizophrene Patienten wieder erkranken und erneut stationär behandelt werden müssen. Hierfür wurde in der Vergangenheit in erster Linie die hohe Rate an Nebenwirkungen der konventionellen Neuroleptika verantwortlich gemacht. Beim Einsatz neuerer, atypischer Neuroleptika wird hingegen aufgrund der geringeren Nebenwirkungsrate nicht nur eine bessere Verträglichkeit, sondern auch eine erhöhte Compliance erwartet. Patienten und Methode: In einer prospektiv durchgeführten Quartalsstudie haben wir deshalb untersucht, welche Aspekte der medikamentösen Behandlung dazu führten, dass schizophrene Patienten, die zuhause leben, wieder erkrankt zur stationären Behandlung kommen. Ergebnisse: Unter 235 Patienten unserer Aufnahmestation fanden sich 46 wieder erkrankte Schizophrene. Hiervon hatten 26 die Medikation nach der letzten Behandlung abgesetzt. Bei 7 Patienten war die Medikation umgestellt oder die Dosis verändert worden (erhöht oder erniedrigt), 13 hatten die Medikamente unverändert eingenommen. Als Hauptgründe für das Absetzen wurden von 6 Patienten Nebenwirkungen angegeben (2-mal bei konventionellen Neuroleptika, 4-mal bei Atypika). 18 Patienten gaben an, dass sie sich gesund gefühlt hätten (6-mal bei konventionellen Neuroleptika, 3-mal bei Clozapin, 9-mal bei Atypika). Schlussfolgerungen: Auch wenn die Stichprobe relativ klein ist und keine Kontrollgruppe mit einbezogen wurde, kann doch als wesentliches Ergebnis festgehalten werden, dass die fehlende Krankheitseinsicht der Hauptgrund für das Absetzen ist, unabhängig davon, ob alte oder moderne Antipsychotika zum Einsatz kamen.
Schlüsselwörter: Compliance, konventionelle Neuroleptika, Atypika, Schizophrenie
Psychopharmakotherapie 2006;13:60–3.

Originalarbeit Pasquale Calabrese, Bochum, Ute Essner, Hamburg, und Hans Förstl, München

Memantin in der klinischen Anwendung

Erfahrungen aus der Praxis

Die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Memantin (Ebixa®) wurde bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz (AD) in einer Anwendungsbeobachtung untersucht. Über einen Zeitraum von sechs Monaten wurden die Patienten mit Memantin behandelt. Zur Beurteilung der Wirksamkeit wurden der Mini-Mental-Status-Test (MMST), die Nurses’ Observation Scale for Geriatric Patients (NOSGER) und das Explorationsmodul Demenz (EMD) eingesetzt. Darüber hinaus wurde eine globale Beurteilung der Wirksamkeit und Verträglichkeit durch den behandelnden Arzt vorgenommen. In den Bereichen Kognition, Alltagsfunktion und Gesamteindruck konnte bei gleichzeitig guter Verträglichkeit eine Verbesserung der Symptome im Laufe der sechsmonatigen Behandlung erzielt werden. Die Ergebnisse dieser Verlaufsbeobachtung bestätigen die in klinischen Studien gezeigte Wirksamkeit von Memantin bei Patienten mit fortgeschrittener Alzheimer Demenz.
Schlüsselwörter: Alzheimer-Demenz, Memantin, Anwendungsbeobachtung, NMDA-Rezeptorantagonist
Psychopharmakotherapie 2006;13:64–9.

English abstract

 

Memantine in clinical practice – Results of an observational study

In a post-marketing surveillance study, the efficacy and tolerability of memantine (Ebixa®) was examined in patients with moderate to severe Alzheimer’s disease (AD). Patients were treated with memantine 20 mg/day for six months. Memantine’s efficacy was evaluated using the Mini-Mental-State Examination (MMSE), the Nurses’ Observation Scale for Geriatric Patients (NOSGER) and the Explorations Module Dementia (EMD) scales, as well as by a global assessment by the physician. After six months of open label treatment with memantine, patients’ cognitive function, ability to perform daily activities, and global performance have been clearly improved. Also, memantine showed an excellent tolerability profile. The results of this naturalistic study support the significant efficacy and tolerability of memantine that has been previously demonstrated in randomised, controlled clinical Alzheimer dementia trials.

Keywords: Alzheimer’s disease, memantine, observational study, NMDA receptor antagonist

Arzneimittelsicherheit/AMSP Susanne Stübner, Muamer Omerovic, Till Krauseneck, Harald Hampel und Renate Grohmann, München

Metronomsyndrom unter Kombinationsbehandlung mit Prothipendyl und Antidementiva

Aus dem Projekt Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie (AMSP) berichten wir über das Auftreten eines alternierenden Pisa- beziehungsweise Metronomsyndroms unter Polypharmakotherapie (u. a. Galantamin, Memantin und Prothipendyl). Pisa-Syndrome wurden in den letzten Jahren nicht mehr nur unter antipsychotischer, sondern auch unter Therapie mit Acetylcholinesterase-Hemmern beobachtet.
Schlüsselwörter: Dystonie, Acetylcholinesterase-Hemmer, Galantamin, Memantin, Prothipendyl, Pisa-Syndrom, Metronomsyndrom
Psychopharmakotherapie 2006;13:70–1.

Referiert & kommentiert Dr. Günter Seelinger, Berlin

Narkolepsie mit Kataplexie

Gamma-Hydroxy-Buttersäure zur Therapie zugelassen

Die Therapie der Narkolepsie mit Kataplexie wird erleichtert: Gamma-Hydroxy-Buttersäure (Xyrem®) – bislang nur off Label einsetzbar – wurde als erste Substanz für diese Indikation von der europäischen Zulassungsbehörde EMEA zugelassen. Die Studienergebnisse, die zu dieser Entscheidung geführt haben, und die Bedeutung für die Praxis wurden beim 1. Kongress der World Association of Sleep Medicine Mitte Oktober 2005 in Berlin vorgestellt.

Referiert & kommentiert Dr. Annemarie Musch, Stuttgart

Demenz bei Parkinson-Krankheit

Moderate Verbesserung durch Rivastigmin

Die Behandlung mit Rivastigmin (Exelon®) führte bei Patienten mit Demenz bei Parkinson-Krankheit zu einer moderaten, aber signifikanten Verbesserung. Ein klinisch relevanter Nutzen wurde bei knapp 20% der behandelten Patienten festgestellt. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen waren entsprechend dem Wirkungsmechanismus von Rivastigmin Übelkeit und Erbrechen.

Referiert & kommentiert Prof. Dr. med. Hans Christoph Diener, Essen

Metaanalyse

Sind Cholinesterase-Hemmer bei Alzheimer-Krankheit unwirksam?

Nach einer Metaanalyse von 22 Studien mit Cholinesterase-Hemmern bei Alzheimer-Krankheit kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Wirkung der Cholinesterase-Hemmer fraglich ist, weil die Studien methodische Mängel aufweisen. Dieser Vorwurf ist allerdings nicht gerechtfertigt.

Referiert & kommentiert Gabriele Blaeser-Kiel, Hamburg

Idiopathische Parkinson-Krankheit

Mit Ropinirol langfristiger Erhalt der Alltagskompetenz bei minimiertem Dyskinesie-Risiko

Die 10-Jahres-Daten eines Vergleichs von Ropinirol mit Levodopa lassen einen nahezu identischen klinischen Effekt erkennen. Bei den Parkinson-Patienten in der Dopamin-Agonisten-Gruppe war jedoch die kumulative Inzidenz von Dyskinesien signifikant niedriger.

Referiert & kommentiert Dr. Christiane Potz-Biedermann, Tübingen

Idiopathisches Parkinson-Syndrom

Besserung mit retardiertem Levodopa tagsüber

Mit Levodopa-Retardpräparaten, abends eingenommen, lassen sich nächtlichen Akinesien und frühmorgendliche Dystonie reduzieren und schlafbezogene Symptome des Parkinson-Syndroms günstig beeinflussen. In einer Anwendungsbeobachtung zeigte sich zudem eine Besserung der Symptome und der Lebensqualität nach Umstellung der Tagestherapie auf retardiertes Levodopa.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Parkinson-Krankheit

Welchen Einfluss hat die LRRK2-Mutation auf die Erkrankung?

Eine Mutation im LRRK2-Gen, das für die Kinase Dardarin kodiert, ist für etwa 5 bis 6% der familiär bedingten und 1 bis 2% der sporadisch auftretenden Fälle der Parkinson-Erkrankung verantwortlich.

Referiert & kommentiert Gabriele Blaeser-Kiel, Hamburg

Bipolare Störungen

Indikationserweiterung für Valproinsäure

2005 hat das BfArM ein lange bestehendes Hindernis für den – erstattungsfähigen – Einsatz von Valproinsäure als Stimmungsstabilisierer beseitigt. Die Erweiterung der Indikation von der Epilepsietherapie auf die „Behandlung von akuten Manien und Prophylaxe bipolarer Störungen“ gilt für die Verordnung von Retard-Valproinsäure, z.B. in Form von Retard-Minitabletten.

Referiert & kommentiert Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart

Atypische Neuroleptika

Ziprasidon bei Schizophrenie und bei Bipolarstörungen

Bei der Schizophrenie-Behandlung mit Ziprasidon muss nicht mit Gewichtszunahme und entsprechenden metabolischen Veränderungen gerechnet werden. In einer offenen Studie wurde sogar eine Gewichtsabnahme und Verbesserung des Lipidprofils beobachtet. Inzwischen ist Ziprasidon auch zur Behandlung manischer und gemischter Phasen bei Bipolarstörungen zugelassen.

Referiert & kommentiert

Schizophrenie

Fehlfunktion des dopaminergen Belohnungssystems

Ein phasisch hochreguliertes dopaminerges Belohnungs- und Verstärkungssystem spielt eine wesentliche Rolle für die Pathophysiologie der Schizophrenie. Darauf weisen auch aktuelle Untersuchungen an Patienten mit bildgebenden Verfahren hin. Möglicherweise können hier atypische Antipsychotika eher als typische modulierend einwirken.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Kreutzkamp, München

Schizophrenie

Geburt während Hungersnot erhöht das Risiko

Eine Hungersnot zum Zeitpunkt der Konzeption und Geburt ist mit einem zweifach erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie in späteren Lebensjahren assoziiert. Dieser zunächst an einem kleinen Kollektiv gefundene Zusammenhang wurde jetzt durch die Auswertung einer großen chinesischen Bevölkerungskohorte bestätigt.

Referiert & kommentiert

Schizophrenie

Neues orales Retard-Antipsychotikum

Paliperidon ist derzeit in einer langsam freisetzenden oralen Form in klinischer Erprobung. Die amerikanische Zulassung ist beantragt.