Management der therapieresistenten Depression

Tranylcypromin – neue Daten zu einem alten Antidepressivum


Dr. Alexander Kretzschmar, München

Der Anteil als therapieresistent diagnostizierter depressiver Patienten hat sich in den letzten Jahrzehnten trotz unterschiedlichster pharmakologischer Behandlungsstrategien nicht wesentlich geändert, stellte Prof. Mazda Adli, Berlin, auf einem virtuellen Fachpressegespräch fest. Neuere Reviews und Metaanalysen zu Tranylcypromin geben hier Anlass für eine Neubewertung.

Etwa 35 % der Patienten gelten nach zwei vergeblichen Therapieversuchen bzw. 15 % nach drei Therapieversuchen als schwer behandelbar. Eine Risikogruppe für ein unzureichendes Ansprechen sind Patienten mit ängstlicher Depression. Etwa die Hälfte dieser Patienten erfüllen laut den Daten des Kompetenznetzwerks Depression die Kriterien einer ängstlichen Depression [7]. Eine weitere Ursache ist eine unstrukturierte Depressionsbehandlung, bei der die einzelnen Therapiestrategien häufig nicht adäquat durchgeführt oder wahllos aneinandergereiht werden, so Adli [1]. Die in den Leitlinien empfohlenen Therapiealgorithmen sind daher ein wesentliches Instrument zur Optimierung des langfristigen Outcomes, unterstrich der Psychiater.

Therapieforschung auf der Suche

Auf der Suche nach Augmentations- und Kombinationstherapien bei schwer behandelbaren Patienten ist der erste Schritt meist eine Erhöhung des eingesetzten Antidepressivums. Anhand der zur Verfügung stehenden Studien lässt sich die Wirksamkeit einer Antidepressiva-Hochdosisbehandlung aber nicht eindeutig beantworten. Für die älteren Wirkstoffe – Tri- und Tetrazyklika sowie Tranylcypromin – gibt es Belege für eine dosisabhängige Steigerung der Wirksamkeit [2]. Für die SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sieht Adli jedoch keine ausreichenden Belege für eine Hochdosisbehandlung als sinnvolle Strategie [5]. Allerdings zeigen Studien zum Verschreibungsverhalten von Fachärzten, dass eine Dosissteigerung bei SSRI am häufigsten durchgeführt wird.

Die bestdokumentierte und evidenzbasierte Behandlungsstrategie bei therapieresistenter Depression liegt für eine Augmentation mit Lithium vor. Die jüngste Metaanalyse von Nelson et al. mit neun Placebo-kontrollierten Studien mit insgesamt 237 Patienten bestätigte, dass die Lithium-Augmentation einer Placebo-Augmentation bei unipolarer schwerer Depression mit einer durchschnittlichen Responserate von 41 % versus 14,2 % (Odds-Ratio 2,89; p = 0,0002) über alle Studien überlegen ist [4]. Allerdings hat sich die Lithium-Augmentation in der ambulanten Versorgung gerade bei älteren Patienten trotz des sehr guten Ansprechens aus bekannten Gründen – aufwendiges Monitoring, Angst vor Nebenwirkungen, insbesondere Nierenschäden – nie richtig durchgesetzt.

Tranylcypromin – aus alt mach neu

Tranylcypromin (Jatrosom) ist das älteste unter den verfügbaren Antidepressiva. Eine Auswertung der im Kompetenznetzwerk Depression prospektiv mit Tranylcypromin behandelten Patienten fand 2008 eine gute Nutzen-Risiko-Relation bei der Behandlung stationärer, nach drei vergeblichen Vortherapien therapieresistenter depressiver Patienten. Der mittlere HAM-D-21-Wert sank von 22,4 bei Baseline auf 9,6 (p < 0,001); die Remissionsrate betrug 59 %. Auch der globale klinische Eindruck (CGI)wurde signifikant verbessert (p < 0,001). Die Ergebnisse bestätigen eine dosisabhängige Wirksamkeit von Tranylcypromin. Erfreulich war, dass das Einhalten einer Tyramin-armen Diät von rund 90 % der Patienten sowie der Betreuer und Angehörigen als einfach bis gut machbar eingestuft wurde [3].

Tranylcypromin verstärkt neben der serotonergen und noradrenergen auch die dopaminerge Neurotransmission. Neuere Reviews und Metaanalysen zeigen ein gutes Ansprechen insbesondere bei Patienten mit psychomotorisch gehemmter Depression. Tranylcypromin war bei dieser Subgruppe im direkten Vergleich auch den Trizyklika überlegen. Als Erklärung führte Adli an, dass die Pathogenese der psychomotorisch gehemmten Depressionen auch durch einen Dopaminmangel gekennzeichnet ist. Bei therapieresistenten Patienten mit gemischten psychomotorischen Symptomen waren Tranylcypromin und Trizyklika vergleichbar wirksam [6].

Im Rahmen der Aufarbeitung der wissenschaftlichen Datenbasis für Tranylcypromin wurde auch die TRAVEL-Studie aufgesetzt. Hier wird derzeit in mehreren Berliner Zentren Tranylcypromin im Vergleich zu einer Lithium-Augmentation bei therapieresistenten Patienten untersucht. Derzeit sind bereits 59 der geplanten 71 Patienten eingeschlossen.

Quelle

Prof. Dr. Mazda Adli, Berlin; Virtuelles Fachpressegespräch „Update der Therapiemöglichkeiten therapieresistenter Depression“, Berlin, 22. September 2020, veranstaltet von Aristo Pharma.

Literatur

1. Adli M, et al. Biol Psychiatry 2006;59:1029–38.

2. Adli M, et al. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 2005;255:387–400.

3. Adli M, et al. Pharmacopsychiatry 2008;41:252–7.

4. Nelson JC, et al. J Affect Disord 2014;168:269–75.

5. Rink L, et al. J Clin Psychiatry 2018;79:17R11693.

6. Ulrich S, et al. J Clin Psychopharmacol 2020;40:63–74.

7. Wiethoff K, et al. J Clin Psychiatry 2010;71:1047–54.

Psychopharmakotherapie 2020; 27(06):314-321