Analyse von CYP450-Wechselwirkungen: kleiner Aufwand, große Wirkung


Das Interaktionspotenzial niederpotenter Opioide

Holger Petri, Bad Wildungen*

Für die Bewertung des pharmakokinetischen Interaktionspotenzials der niederpotenten Opioide ist die Affinität zu den Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzymen 2D6 (Codein, Dihydrocodein und Tramadol) und 3A4 (Tilidin) von maßgeblicher Bedeutung. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten der vier niederpotenten Opioide zu den beiden Cytochrom-P450-Isoenzymen dargestellt.
Psychopharmakotherapie 2014;21:123–5.

Substrate von CYP2D6

Codein

Codein selbst hat keine relevanten schmerzstillenden Eigenschaften (Prodrug). Erst über das Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzym 2D6 entsteht der analgetisch wirksame Metabolit Morphin [3]. Auch ohne Verordnung anderer Substanzen ist das klinische Ansprechen auf Codein individuell verschieden, da dieses Isoenzym polymorph exprimiert wird. Genetisch bedingt variiert die Bildung funktionsfähiger CYP2D6-Enyzme. Es werden abhängig von der Metabolisierungsaktivität vier Phänotypen unterschieden [9].

  • Langsame Metabolisierer (Poor metabolizer; PM) stark reduzierter Stoffwechsel
  • Intermediäre Metabolisierer (Intermediate metabolizer; IM) reduzierter Stoffwechsel
  • Extensive Metabolisierer (Extensive metabolizer; EM) normaler Stoffwechsel
  • Ultraschnelle Metabolisierer (Ultrarapid metabolizer; UM) beschleunigter Stoffwechsel

Die klinischen Auswirkungen sind in Tabelle 2 dargestellt.

Tab. 2. CYP2D6-Phänotypen, Auswirkung auf den Codein-Metabolismus und Therapieempfehlungen [nach 3]

Phänotyp

Morphin-Bildung

Empfehlungen für die Therapie

Langsame Metabolisierer

Stark reduziert

Auf alternative Opioide ausweichen, deren Metabolismus nicht von CYP2D6 abhängt

Intermediäre Metabolisierer

Reduziert

Wie empfohlen dosieren, bei insuffizientem Ansprechen auf alternative Opioide ausweichen, deren Metabolismus nicht von CYP2D6 abhängt

Extensive Metabolisierer

Normal

Wie empfohlen dosieren

Ultraschnelle Metabolisierer

Erhöht

Wegen Intoxikationsrisiko auf Codein verzichten; alternative Opioide verwenden, deren Metabolismus nicht von CYP2D6 abhängt

Vor dem Hintergrund des Intoxikationsrisikos (Atemstillstand) bei Patienten mit UM-Status hat im August 2013 das Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte (BfArM) die Anwendung bei Kindern eingeschränkt und weitere sicherheitsrelevante Aktualisierungen der Produktinformationen angeordnet [1]. Es sollte bedacht werden, dass sich die Maßnahmen allein auf Codein-haltige Arzneimittel zur Schmerzbehandlung beziehen. Codein-haltige Arzneimittel zur symptomatischen Therapie von Reizhusten könnten zurzeit weiterhin Kindern ab 2 Jahren verordnet werden [4]. Deshalb hat das BfArM diesbezüglich ein neues europäisches Risikobewertungsverfahren angestoßen [2].

Der Fachinformation von Morphin ist zu entnehmen, dass die Komedikation mit Rifampicin zur Abschwächung der Schmerzwirkung führen kann [5]. Daher ist diese Wechselwirkung bei der Anwendung von Codein als Schmerzmittel ebenfalls zu beachten.

Ähnlich wie bei Patienten mit PM-oder IM-Status wird bei gleichzeitiger Verordnung von CYP2D6-hemmenden Substanzen (Abb. 1) die Bildung von Morphin unterdrückt. Folglich besteht die Gefahr des Therapieversagens, und eine Komedikation – vor allem mit starken CYP2D6-Inhibitoren – sollte unterbleiben.

Dihydrocodein

Dihydrocodein (DHC) ist ein semi-synthetisches Derivat von Codein. Über CYP2D6 entsteht mit Dihydromorphin (DHM) ein Metabolit, der eine 100-fach höhere Affinität zu den µ-Opioid-Rezeptoren als DHC hat. Verschiedene Studien haben aber gezeigt, dass DHM nur unwesentlich zum analgetischen Effekt von DHC beiträgt und somit das klinische Ansprechen unabhängig vom CYP2D6-Phänotyp des Patienten ist. Dies ist unter anderem damit begründet, dass die Muttersubstanz DHC im Gegensatz zu Codein schmerzstillend wirksam ist [8]. Somit sind klinisch relevante Interaktionen mit CYP2D6-hemmenden Substanzen nicht zu erwarten.

Tramadol

Der über CYP2D6 aus Tramadol gebildete Metabolit O-Desmethyltramadol trägt hauptsächlich zur Wirksamkeit bei [8]. Deshalb ist bei Patienten mit einem PM- oder IM-Status eine eingeschränkte schmerzstillende Wirkung von Tramadol zu erwarten. Die Komedikation mit CYP2D6-hemmenden Arzneistoffen reduziert die Bildung von O-Desmethyltramadol.

Tramadol blockiert die Wiederaufnahme von Serotonin und kann unter alleiniger Gabe oder in Kombination mit anderen serotonergen Medikamenten ein Serotonin-Syndrom induzieren [6, 10]. Insbesondere bei Komedikation mit den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) Fluoxetin und Paroxetin, beide starke CYP2D6-Hemmer, besteht die Gefahr, dass infolge des Versagens der Schmerztherapie die Dosis von Tramadol erhöht wird. Damit steigt das Risiko dieser dosisabhängigen unerwünschten Arzneimittelwirkung.

Tabelle 1 enthält Angaben zur Häufigkeit von genetischen Polymorphismen, auch unter Berücksichtigung ethnischer Gruppen.

Substrat von CYP3A4

Tilidin

Auch bei Tilidin handelt es sich um ein Prodrug. In zwei aufeinander folgenden Phase-I-Reaktionen (sequential metabolism) entsteht zunächst der analgetisch wirksame Metabolit Nortilidin, der zum pharmakologisch unwirksamen Bisnortilidin weiter abgebaut wird [7]. Beide Reaktionsschritte werden von CYP3A4 katalysiert.

In einer Untersuchung führte die Kombination mit dem starken CYP3A4-Hemmer Ritonavir (Abb. 1) zu veränderten pharmakokinetischen Parametern wie erhöhten AUC-Werten (Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve) von Nortilidin [7]. Die dadurch bedingten unerwünschten Arzneimittelwirkungen waren jedoch von moderater und vorübergehender Natur. Tilidin besitzt weder serotonerge Eigenschaften noch senkt es die Krampfschwelle. Durch vorsichtiges Aufdosieren bei Komedikation mit starken CYP3A4-Hemmern sind schwerwiegende Interaktionen auf Ebene der Cytochrom-P450-Isoenzyme nicht zu erwarten.

Abb. 1. Auswahl von modulierenden Substanzen (stark wirkende fettgedruckt) mit klinisch relevanter Wirkung auf Cytochrom P450 2D6 und 3A4 (Stand: 04/2014) [Quelle: mediQ-Interaktionsprogramm]

Literatur

1. BfArM.

2. BfArM. 

3. Crews KR, et al. doi:10.1038/clpt.2011.287.

4. Fachinformation Codeinsaft-CT 5 mg/5 ml. Stand: Novermber 2013

5. Fachinformation MST Mundipharma®. Stand: Oktober 2013.

6. Fachinformation Tramal®. Stand: August 2013.

7. Grün B, et al. Br J Clin Pharmacol 2012;74: 854–63.

8. Leppert W. Pharmacology 2011;87:274–85.

9. Reinecke K, Böhm R, Haen E, Cascorbi I, et al. Dtsch Apo Ztg 2012;47:60–6.

10. Wenzel-Seifert K, Haen, E. Med Monatsschr Pharm 2013;36:346–7.


*Nachdruck aus Krankenhauspharmazie 2014;35:161–3.

Der Artikel wurde unter Einbeziehung von Diskussionsbeiträgen von Dr. Jörg Brüggmann, Berlin, Prof. Dr. Christoph Hiemke, Mainz, und Dr. Jochen Weber, Bad Wildungen, erstellt.

Holger Petri, Zentral-Apotheke der Wicker Kliniken, Im Kreuzfeld 4, 34537 Bad Wildungen, E-Mail: hpetri@werner-wicker-klinik.de

Psychopharmakotherapie 2014; 21(03)