Polyneuropathie

Levetiracetam ist bei neuropathischen Schmerzen nicht wirksam


Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Levetiracetam ist zur Behandlung neuropathischer Schmerzen im Rahmen von Polyneuropathien nicht wirksam. Das ist das Ergebnis einer randomisierten, doppelblinden, Plazebo-kontrollierten Cross-over-Studie.

Levetiracetam ist ein sehr gut verträgliches Antiepileptikum, das in tierexperimentellen Untersuchungen zum neuropathischen Schmerz und in einer offenen Pilotstudie mit 10 Patienten mit postherpetischer Neuralgie wirksam war. Es bot sich also an, die Wirksamkeit von Levetiracetam zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen bei einer größeren Gruppe von Patienten zu untersuchen.

Eine dänische Arbeitsgruppe führte daher eine randomisierte, doppelblinde, Plazebo-kontrollierte Cross-over-Studie durch, in der sie Levetiracetam mit Plazebo verglich. Eingeschlossen wurden Patienten mit einer seit mehr als sechs Monaten bestehenden Polyneuropathie und neuropathischen Schmerzen. Teilnehmen durften nur Patienten, die an mindestens vier Tagen pro Woche Schmerzen hatten und die die Intensität ihrer Schmerzen während einer einwöchigen Screeeningphase auf einer 11-Punkt-Skala (Skala von 0 [kein Schmerz] bis 10 [stärkster vorstellbarer Schmerz]) mit durchschnittlich 4 oder mehr Punkten beurteilten.

Die Teilnehmer erhielten randomisiert entweder zuerst Levetiracetam und danach Plazebo oder umgekehrt. Die Levetiracetam-Dosierung wurde über 14 Tage hinweg langsam erhöht, Ziel war eine Tagesdosis von 3000 mg pro Tag, verteilt auf zwei Einnahmezeitpunkte. Die Behandlung erfolgte in zwei Abschnitten zu je sechs Wochen, unterbrochen von einer einwöchigen Auswaschphase. Als Notfall-Analgetikum konnten Paracetamol oder Tramadol eingenommen werden.

Primärer Endpunkt war die Besserung der Schmerzen am Ende der jeweiligen Behandlungsperiode. Hierfür beurteilten die Patienten auf einer Skala von 1 (Verschlechterung) bis 6 (vollständige Linderung), wie sich die Schmerzen in der vergangenen Woche gegenüber dem Zustand zu Beginn der Studie verändert hatten. Sekundäre Endpunkte waren Veränderungen der Intensität der Schmerzen insgesamt oder bestimmter Aspekte der Schmerzen (z.B. brennende oder stechende Schmerzen, Schmerzen durch Berührung oder Druck, Schlafstörungen durch Schmerzen), die täglich mithilfe numerischer 11-Punkte-Skalen beurteilt wurden, sowie der Gebrauch von Notfall-Analgetika.

Für die Studie wurden 93 Patienten gescreent, 47 wurden eingeschlossen und 39 randomisiert. Für die Auswertung standen Daten von 19 Patienten, die mit Plazebo begonnen hatten, und von 16 Patienten, die mit Levetiracetam begonnen hatten, zur Verfügung. Sie waren im Durchschnitt 57 Jahre alt. Als Ursache der Polyneuropathie wurde am häufigsten (51,4%) ein Diabetes mellitus angegeben. Die neuropathischen Schmerzen bestanden im Durchschnitt seit 49 Monaten. Die Schmerzintensität wurde zu Beginn der Studie im Durchschnitt mit 5,7 Punkten beurteilt.

Bei keinem Endpunkt zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen Levetiracetam und Plazebo, also weder bei der Beurteilung der Schmerzlinderung (2,29 vs. 2,28; Levetiracetam vs. Plazebo; p=0,979) noch bei der Schmerzintensität insgesamt (5,5 vs. 5,3; p=0,293) oder irgendeiner Untergruppe der Schmerzwahrnehmung. Auch der Bedarf an Notfall-Analgetika war gleich.

Bezüglich der unerwünschten Ereignisse gab es nur minimale Unterschiede, wobei vor allem Müdigkeit und Schwindel bei Einnahme von Levetiracetam häufiger waren als bei Einnahme von Plazebo (14 vs. 4 bzw. 5 vs. 1).

Kommentar

Bevor diese randomisierte, doppelblinde Studie durchgeführt wurde, gab es – wie bei solchen Fragestellungen häufig – Berichte über offene Studien, aufgrund derer eine Wirksamkeit von Levetiracetam bei neuropathischen Schmerzen postuliert wurde.

Eine analgetische Wirkung konnte in der vorliegenden, doppelblinden Cross-over-Studie aber nicht belegt werden. Cross-over-Studien eignen sich in der Schmerztherapie besser als Parallelgruppenstudien, da bei einer Studie im Cross-over-Design eine geringere Patientenzahl benötigt wird, um ein statistisch signifikantes Ergebnis zu zeigen, als bei einer Parallelgruppenstudie. Problematisch könnte allerdings gewesen sein, dass die Auswaschphase mit einer Woche möglicherweise zu kurz angesetzt war. Die Dauer der Auswaschphase spielt andererseits nur dann eine Rolle, wenn die untersuchte Substanz wirksam ist.

Quelle

Holbech JV, et al. The anticonvulsant levetiracetam for the treatment of pain in polyneuropathy: a randomized, placebo-controlled, cross-over trial. Eur J Pain 2011;15:608–14.

Psychopharmakotherapie 2012; 19(04)