Informationen über tardive Dyskinesien in der Gebrauchsinformation antipsychotischer Medikamente


Egon Michael Haberfellner, Bad Hall (Österreich)

Hintergrund: Obwohl durch den breiten Einsatz atypischer Antipsychotika das Risiko tardiver Dyskinesien reduziert wurde, ist weiterhin die Patientenaufklärung darüber notwendig. Methode: Um herauszufinden, welche Informationen im Hinblick auf das Risiko tardiver Dyskinesien in der schriftlichen Gebrauchsinformation vermittelt werden, wurden deutschsprachige Gebrauchsinformationen von 16 antipsychotischen Medikamenten analysiert. Ergebnisse: Information über Bewegungsstörungen wurde in 15 Gebrauchsinformationen (93%) gefunden. Spezifische Informationen über tardive Dyskinesien waren nur in fünf Gebrauchsinformationen (31%) enthalten. Das Risiko der Irreversibilität tardiver Dyskinesien wurde nicht erwähnt. Diskussion: Mit Antipsychotika behandelte Patienten sollten die ersten Anzeichen und Symptome einer tardiven Dyskinesie erkennen können. Auch sollten sie unbedingt wissen, dass tardive Dyskinesien irreversibel sein können. Die meisten Pharmafirmen nützen die Gebrauchsinformation nicht ausreichend als Quelle der Patienteninformation über tardive Dyskinesien. Die schriftliche Gebrauchsinformation sollte in dieser Hinsicht verbessert werden.
Schlüsselwörter: Tardive Dyskinesie, Antipsychotika, Patienteninformation
Psychopharmakotherapie 2008;15:200–1.

Hintergrund

Obwohl durch den breiten Einsatz atypischer Antipsychotika das Risiko tardiver Dyskinesien reduziert wurde, ist weiterhin die Patientenaufklärung über diese unerwünschte Wirkung notwendig. Nur informierte Patienten können rechtskräftig der Behandlung zustimmen. Die schriftliche Gebrauchsinformation ist eine Quelle der Information, die von vielen Patienten genutzt wird. Das Wissen über tardive Dyskinesien ist aber bei den meisten Patienten dürftig. Kürzlich wurde berichtet, dass von 87 Patienten, die mit Antipsychotika behandelt wurden, nur 15 Patienten (17%) ausreichend über tardive Dyskinesien informiert waren [2]. Keiner dieser Patienten hatte seine Informationen über tardive Dyskinesien von der Gebrauchinformation bezogen.

Methode

Um herauszufinden, welche Informationen im Hinblick auf das Risiko tardiver Dyskinesien in der schriftlichen Gebrauchsinformation vermittelt werden, wurden deutschsprachige Gebrauchsinformationen von 16 antipsychotischen Medikamenten analysiert. Neun konventionelle und sieben atypische Antipsychotika von acht unterschiedlichen Herstellern wurden in die Analyse einbezogen.

Ergebnisse

Information über Bewegungsstörungen, insbesondere über extrapyramidale Symptome und über Dystonien wurde in 15 Gebrauchsinformationen (93%) gefunden. Spezifische Informationen über tardive Dyskinesien waren nur in fünf Gebrauchsinformationen (31%) enthalten. Die Information über tardive Dyskinesien war generell kurz, umfasste zwischen 10 und 35 Wörtern und beinhaltete eine kurze Beschreibung dieser Störung. Der Begriff „tardive Dyskinesie“ wurde nur in einer Gebrauchsinformation verwendet, der Begriff „Spätdyskinesie“ in einer anderen. Das Risiko, dass tardive Dyskinesien irreversibel sein können, wurde nicht erwähnt. Empfehlungen für den Fall, dass Symptome tardiver Dyskinesien auftreten, waren „engmaschige Kontrollen“ (einmal), „beenden Sie die Behandlung“ (einmal) und „kontaktieren Sie ihren Arzt“ (dreimal).

Diskussion

Informationen über tardive Dyskinesien sollten Patienten eine Vorstellung vermitteln, wie sie erste Anzeichen einer tardiven Dyskinesie erkennen können, und sollten Wissen über die Symptome vermitteln. Patienten sollten unbedingt wissen, dass tardive Dyskinesien irreversibel sein können.

Unsere Analyse zeigt deutlich, dass in den meisten Gebrauchsinformationen keine, in den anderen nur wenig für Patienten nutzbare Informationen vermittelt wurden. Die meisten Pharmafirmen nützen die Gebrauchsinformation nicht ausreichend als Quelle der Patienteninformation über tardive Dyskinesien. Es ist daher nicht überraschend, dass die Gebrauchsinformation von Patienten, die über tardive Dyskinesien informiert waren, nie als Quelle der Information genannt wurde [2].

Von Chaplin und Timehin [1] wurde das Patientenwissen über tardive Dyskinesien über einen Zeitraum von vier Jahren untersucht. Ihre Studienergebnisse zeigen, dass Patienten über längere Zeiträume bereits erworbene Informationen vergessen. Information über tardive Dyskinesien sollte daher kein Einzelereignis sein, sondern ein fortlaufender Diskussionsprozess. Die schriftliche Gebrauchsinformation könnte einen wichtigen Betrag zur Verbesserung des Patientenwissens über tardive Dyskinesien leisten.

Literatur

1. Chaplin R, Timehin C. Informing patients about tardive dyskinesia: four-year follow up of a trial of patient education. Aust N Z J Psychiatry 2002;36:99–103.

2. Haberfellner EM, Rittmannsberger H. Patientenwissen über tardive Dyskinesien. Nervenarzt 2006;77:333–6.

Priv.-Doz. Prim. Dr. Egon Michael Haberfellner, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg, und Rehabilitationszentrum für psychosoziale Gesundheit, Parkstraße 5, 4540 Bad Hall, Österreich, E-Mail: haberfellnerem@promenteooe.at

Limitations of antipsychotics packet insert information about tardive dyskinesia

Objective: Although the widespread use of atypical antipsychotics reduces patient risk for tardive dyskinesia (TD), patient information about TD is still necessary for obtaining informed consent for antipsychotic treatment. Package insert leaflets are one source of information. To find out how pharmaceutical companies inform patients about TD, we analysed leaflets for 16 antipsychotics made by 8 pharmaceutical companies.

Results: Information about movement disorders was found in 15 leaflets (93%), but information about TD was given in only 5 leaflets (31%). The risk that TD might be persistent was not mentioned at all.

Discussion: Information about TD should give patients an idea of its signs and symptoms and enable them to recognize early symptoms. Patients should know that TD could be irreversible. Our analysis shows that most pharmaceutical companies do not use the package insert as a source of information about TD. Pharmaceutical companies should improve written patient information on tardive dyskinesia.

Keywords: Tardive dyskinesia, antipsychotics, patient information

Psychopharmakotherapie 2008; 15(05)