Migräne

Migräne mit Aura assoziiert mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko


Bettina Martini, Memmingen

In einer großen prospektiven Kohortenstudie mit fast 28000 Frauen wurden in der Untergruppe der Frauen, die an Migräne mit Aura litten, signifikant mehr schwere kardiovaskuläre Ereignisse beobachtet als bei Frauen ohne Migräne. Bei Migräne-Patientinnen, die keine Aura verspürten, ergab sich kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.

Hintergrund

Rund 18% der Frauen und 6% der Männer in den USA leiden innerhalb eines Jahres an mindestens einer Migräneattacke. Bei Migräne-Patienten gefundene neurovaskuläre Veränderungen und eine Häufung ischämischer Schlaganfälle bei jungen Frauen mit Migräne, speziell mit Aura, ließen Spekulationen aufkommen, ob Migräne im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle und auch andere kardiovaskuläre Ereignisse steht.

Studiendesign

An einer großen prospektiven Kohortenstudie (Women’s Health Study) nahmen 27840 US-amerikanische Frauen im Alter von 45 Jahren und älter teil. Zu Studienbeginn (1992 bis 1995) hatten die Frauen keine kardiovaskulären Erkrankungen. Beobachtet wurde die Häufigkeit schwerer kardiovaskulärer Ereignisse. Primärer Endpunkt war die Kombination aus tödlichem kardiovaskulärem Ereignis, nicht tödlichem ischämischem Schlaganfall oder nichttödlichem Herzinfarkt. Ziel der Studie war, zu untersuchen, ob das Risiko bei Migräne mit und/oder ohne Aura erhöht ist.

Ergebnisse

Zu Beginn der Studie gaben 5125 Frauen an, im vergangenen Jahr mindestens eine Migräneattacke erlitten zu haben. Davon beobachteten 1434 (39,7%) bei sich eine Aura.

Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 10 Jahren waren insgesamt 580 schwere kardiovaskuläre Ereignisse aufgetreten.

Das Risiko war bei Frauen, die unter Migräne mit Aura litten, signifikant erhöht (Hazard-Ratio 2,15; 95%-Konfidenzintervall: 1,58–2,92; p<0,001). Dabei war nicht nur das Risiko für ischämische Schlaganfälle, sondern für alle kardiovaskulären Ereignisse signifikant erhöht (Tab. 1).

Tab. 1. Hazard-Ratios für kardiovaskuläre Ereignisse bei Frauen mit Migräne mit Aura (n=1434) im Vergleich zu Frauen ohne Migräne

Kardiovaskuläres Ereignis

Hazard-Ratio
(95%-Konfidenzintervall)

p-Wert

Ischämischer Schlaganfall

1,91 (1,17–3,10)

0,01

Herzinfarkt

2,08 (1,30–3,31)

0,002

Koronare Revaskularisierung

1,74 (1,23–2,46)

0,002

Angina pectoris

1,71 (1,16–2,53)

0,007

Tödliches ischämisches kardiovaskuläres Ereignis

2,33 (1,21–4,51)

0,01

Primärer Endpunkt: schwere kardiovaskuläre Ereignisse (tödliches kardiovaskuläres Ereignis, nicht tödlicher ischämischer Schlaganfall, nichttödlicher Herzinfarkt)

2,15 (1,58–2,92)

<0,001

Nach Anpassung des Risikos an das Alter der Frauen ergaben sich pro 10000 Frauen 18 zusätzliche schwere kardiovaskuläre Ereignisse für Migräne-Patientinnen mit Aura.

Bei Frauen, die zwar Migräneattacken hatten, aber keine Aura, ergab sich kein erhöhtes Risiko.

Fazit und Ausblick

Die Studienergebnisse legen nahe, dass Migräne mit Aura bei Frauen ab dem 45. Lebensjahr mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert ist. Nun sollte auch bei Männern und jüngeren Frauen untersucht werden, ob ein solcher Zusammenhang besteht.

Bei Migräne-Patientinnen mit Aura sollten beeinflussbare kardiovaskuläre Risikofaktoren besonders ernst genommen werden, wie Rauchen, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen. Weitere Überlegungen werden sein, ob auch die Migräne selbst ein beeinflussbarer kardiovaskulärer Risikofaktor ist. So könnte in Studien untersucht werden, ob Arzneimittel zur Migräne-Prophylaxe bei entsprechenden Patientinnen, das kardiovaskuläre Risiko reduzieren oder ob diese Frauen von einer antithrombotischen Therapie profitieren.

Quelle

Kuth T, et al. Migraine and risk of cardiovascular disease in women. JAMA 2006;296:283–91.

Lipton RB. Migraine and cardiovascular disease. JAMA 2006;296:332–3.

Psychopharmakotherapie 2007; 14(04)