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27. Jahrgang Heft 1 Februar 2020

Editorial
Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Pulheim


Originalarbeit
Cai Christian Heimsoth, München, Guido Distler, Wasserburg, und Gerd Laux, Soyen/München
Ergebnisse einer kontrollierten Studie mit Ratingskalen-Vergleichen

Die Frage, ob die in Studien beschriebenen Wirksamkeitsraten von Antidepressiva auch in der Routinepraxis erzielt werden können und ob sich Wirksamkeitsunterschiede zwischen den einzelnen Wirkstoffgruppen nachweisen lassen, ist von hoher klinischer Relevanz. Zur Evaluation des Therapieverlaufs sind unterschiedliche Beurteilungsskalen im Gebrauch, wobei die Angaben zur Korrelation und die Handhabung von Cut-off-Werten teilweise differieren. Ziel der vorliegenden klinischen Studie war es, diesbezügliche Erkenntnisse zu erlangen. Ein Sample von 125 stationär behandelten depressiven Patienten wurde randomisiert mit verschiedenen Antidepressiva behandelt, der Therapieverlauf wurde anhand sieben unterschiedlicher Beurteilungsskalen zu fünf Messzeitpunkten evaluiert. Folgende Skalen kamen zum Einsatz: Jeweils zwei Versionen der Clinical Global Impressions Scale (CGI-S, CGI-I) und der Hamilton Depression Scale (HAMD-17, HAMD-7), die Montgomery Åsberg Depression Rating Scale (MADRS), die Befindlichkeits-Skala (Bf-S) und das Beck-Depressions-Inventar (BDI-II). Die Ratingskalen-Werte verringerten sich im Therapieverlauf kontinuierlich und signifikant. Der Cut-off-Wert  12 der Skala MADRS zeigte die höchste Übereinstimmung mit dem Cut-off-Wert  7 der Skala HAMD-17. Die kalkulierten Response- und Remissionsraten lagen zwischen 67 % und 75,9 % bzw. 58,9 % und 70,6 %. In den initialen drei Wochen der Behandlung konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Antidepressiva-Gruppen nachgewiesen werden. Anhand unterschiedlicher Response- und Remissionsraten deuteten sich allerdings tendenzielle Wirksamkeitsunterschiede zwischen den Antidepressiva-Wirkstoffgruppen an, die hier aufgrund der geringen Gruppenstärken nur rein deskriptiv angemerkt werden.

Die Daten der Studie zeigen, dass sich in der Routinepraxis hohe Wirksamkeitsraten mit schnell einsetzenden Therapieeffekten nachweisen lassen. Verschiedene Fremdbeurteilungsskalen bewerten den Schweregrad einer Depression sehr ähnlich, die erfassten Symptomfortschritte scheinen aber nicht mit der subjektiven Befindlichkeit der Patienten zu korrelieren.

Für zukünftige Untersuchungen wird anhand der vorliegenden Daten der Remissionsgrenzwert  12 der Skala MADRS empfohlen.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, MADRS-Remissions-Cut-off-Wert, Korrelation von Beurteilungsskalen, Wirksamkeitsunterschiede von Antidepressiva

Psychopharmakotherapie 2020;27:2–11.

Effectiveness of antidepressants in inpatient treatment – Results from a controlled clinical study with comparisons of different rating scales

Of great importance is the question of whether the described efficacy rates of antidepressants can also be achieved in routine practice and whether differences between substances can be demonstrated. Various evaluation scales are in use with different cut-off values, aim of this clinical study was to gain further insights into this. A sample of 125 inpatients was randomly assigned to different antidepressants, the course of the therapy was evaluated on 7 different assessment scales. The following scales were used: Two versions of the Clinical Global Impression Scale (CGI-S, CGI-I) and the Hamilton Depression Scale (HAMD-17, HAMD-7), the Montgomery Asberg Depression Scale (MADRS), the emotional Scale (Bf-S) and the Beck Depression Inventory (BDI-II). The scores of all assessment scales decreased significantly, the calculated response and remission rates were between 67 % and 75.9 % and 58.9 % and 70.6 %. The cut-off value  12 of the MADRS scale showed the highest agreement with the cut-off value  7 of the HAMD-17 scale. The data reveal high effectiveness rates in routine practice, no significant differences could be detected between antidepressant drug groups in the initial three-week therapy phase. Different scoring scales assess the severity of depression in a very similar way, but the recorded ratings seem not to correlate with the subjective mood of the patient. For future studies, the cut-off value  12 of the MADRS scale is recommended on the basis of this data.

Key words: Antidepressants, MADRS remission cut-off value, correlation of evaluation scales, effectiveness different antidepressants



Weiterbildungs-Curriculum
Otto Dietmaier, Aulendorf, und Gerd Laux, Soyen/Waldkraiburg/München
Teil 11: Nebenwirkungen, Intoxikationen

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelt es sich bei einer unerwünschten Arzneimittelwirkung um jede schädliche, unbeabsichtigte Reaktion, die bei einer Dosierung von Arzneimitteln auftritt, wie sie für die Prophylaxe, Diagnose und Therapie üblich ist. Heute wird zunehmend der allgemeine Begriff Nebenwirkungen verlassen und gezielter von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) gesprochen. Bei der Einschätzung und Interpretation der Häufigkeit von UAW ist es wichtig, den auch in der Umgangssprache gebräuchlichen Begriffen „sehr häufig“, „häufig“, „gelegentlich“, „selten“ und „sehr selten“ entsprechende allgemeingültige Zahlen zugrunde zu legen. Klinische Wirkungen und Nebenwirkungen von Psychopharmaka stehen in engem Zusammenhang mit dem Rezeptorprofil der jeweiligen Substanz. Dabei muss unterschieden werden zwischen UAW, die durch Rezeptorblockade verursacht werden, und wiederaufnahmevermittelten Effekten, die durch eine Hemmung der Transporter von beispielsweise Serotonin oder Noradrenalin zustande kommen. Neben diesen auf neurobiochemischen Prozessen basierenden UAW gibt es auch nicht rezeptorvermittelte Nebenwirkungen, die durch pharmakodynamische Einflüsse beispielsweise auf Regelkreise oder direkt an Erfolgsorganen erklärbar sind. Für Patienten besonders relevante Nebenwirkungen der Psychopharmaka sind Gewichtszunahme, sexuelle/prolaktinerge Störungen, Schlaf- und kognitive Störungen. Im klinischen Alltag bieten sich UAW von Psychopharmaka als wichtiges Kriterium bei der Auswahl einer geeigneten Substanz an. Die Mehrzahl der Psychopharmaka zeichnet sich durch eine relativ große therapeutische Breite und damit geringe Toxizität aus. Es gibt allerdings einige Substanzen mit geringer therapeutischer Breite, die – vor allem bei Einnahme in suizidaler Absicht – zu schwerwiegenden Zwischenfällen führen können. Besondere Beachtung wegen ihrer Toxizität ist dabei trizyklischen Antidepressiva (TZA), Lithium sowie Clozapin zu widmen.

Schlüsselwörter: Nebenwirkungen, UAW, Pharmakovigilanz, Intoxikationen

Psychopharmakotherapie 2020;27:13–9.

Adverse drug events, intoxications

According to the World Health Organization (WHO), an adverse drug reaction describes any harmful and unintended reaction occurring at a usual dosage for prophylaxis, diagnosis or therapy. Today the general term “side-effect” is increasingly abandoned and the more specific term “adverse drug reaction” (ADR) is used instead. When assessing and interpreting the incidence of ADRs it is important to use the general terms “very often”, “often”, “occasionally”, “rarely” and “very rarely”.

Clinical effects and side effects of psychotropic drugs are closely related to the receptor profile of the respective substance. It is important to differentiate between ADRs caused by receptor blockade and reuptake-mediated effects caused by inhibition of the transporters of serotonin or noradrenaline for example. In addition to these ADRs which are based on neurobiochemical processes, there are also non-receptor-mediated side-effects that can be explained by pharmacodynamic impacts, like on regulatory circuits or directly on effector organs. Weight gain, sexual/prolactin disorders, sleep disorders and cognitive disorders are specifically relevant side effects of psychotropic drugs.

In clinical practice ADRs of psychotropic drugs provide an important criterion in the selection of suitable substances. Most psychotropic drugs are characterized by a relatively large therapeutic index and thus low toxicity. However, there are some substances with a narrow therapeutic index. This can lead to serious incidents especially when taken with suicidal intention. Due to their toxicity, careful attention should be paid to tricyclic antidepressants (TCAs), lithium and clozapine.

Key words: Side-effects, adverse drug reaction, pharmacovigilance, intoxication



GESENT-Forum
Ingolf Neunübel und Ewald König, Berlin
Von der "Apotheke der Welt" zum Arzneimittelimporteur – Deutschland verabschiedet sich von innovativen neuropsychiatrischen Arzneimitteln

Psychische Erkrankungen sind häufigste Ursache für Frühverrentungen, dennoch verhindert die deutsche Gesetzgebung die Zulassung neuer Neuropsychopharmaka. Die Ursachen dieser Fehlentwicklung, ihre Folgen und mögliche Korrekturen waren im vergangenen Jahr die Inhalte eines Parlamentarischen Abends in Berlin. Hier waren Wissenschaftler, Ärzte und Patientenorganisationen zusammengekommen, um zum ersten Mal gemeinsam die Konsequenzen des Arzneimittelmarktneuordnunggesetzes (AMNOG) samt Zusatznutzensystem für die medizinische Versorgung in Deutschland zu diskutieren.

Psychopharmakotherapie 2020;27:20–4.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Johanna Seifert, Stefan Bleich, Hannover, Detlef Degner, Göttingen, Eckart Rüther, Renate Grohmann, München, und Sermin Toto, Hannover
Kasuistik aus dem Projekt „Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie“ e. V.

Das Auftreten des Post-Injektionssyndroms (PIS) ist eine bekannte und gefürchtete schwere unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) nach der Depotinjektion von Olanzapinpamoat. Das PIS wird in 0,1 % aller Injektionen von Olanzapinpamoat beobachtet. Der Verlauf ist meist selbstlimitierend, jedoch erfordert das PIS umgehend eine Einweisung in eine internistische Abteilung zur Überwachung der Vitalparameter. Begleitend hierzu treten weitere Symptome wie Sedierung bis hin zum Koma und/oder ein delirantes Syndrom auf.

Im folgenden Fall wird das Auftreten eines Post-Injektionssyndroms unter Olanzapinpamoat nach jahrelanger guter klinischer Verträglichkeit berichtet. Es wird anschließend diskutiert, warum das PIS vor allem unter der Gabe von Olanzapinpamoat auftritt, unter Berücksichtigung anderer antipsychotischer Depotpräparate.

Der vorliegende Fall wurde im Projekt „Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie“ (AMSP) dokumentiert und im Rahmen des Auswertungsprozesses bei regionalen und überregionalen Konferenzen beurteilt. AMSP beobachtet seit 1993 systematisch das Auftreten schwerer, neuer und ungewöhnlicher UAW von Psychopharmaka in der Behandlung stationärer Patienten.

Schlüsselwörter: Post-Injektionssyndrom, Olanzapin, Depot-Antipsychotika, UAW, AMSP

Psychopharmakotherapie 2020;27:25–8.

Post-injection delirium/sedation after the injection of olanzapine pamoate. Case report from the project “Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie” e. V.

Post-injection delirium/sedation (PDSS) is one of the most relevant severe adverse drug reactions (ADR) occurring after intramuscular injection of long-acting olanzapine. PDSS is observed in 0.1 % of injections of olanzapine pamoate. In most cases, the course of PDSS is self-limiting; however, admission to the hospital for the monitoring of vital signs is absolutely necessary. Accompanying this are other symptoms such as sedation, in severe forms presenting as coma, and/or delirium.

First, we will present the case of a patient who suffered from PDSS after several years of successful treatment with olanzapine pamoate. In the following discussion we will consider the differences between olanzapine pamoate and other long-acting antipsychotics and discuss the reasons for the occurrence of PDSS under olanzapine pamoate.

The presented case has been documented in the project “Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie” (drug safety in psychiatry; AMSP) and it has been evaluated in national conferences. Since 1993 AMSP has systematically monitored the occurrence of severe, new and unusual ADRs of psychopharmaceuticals in the treatment of psychiatric inpatients.

Key words: Post-injection delirium/sedation, olanzapine, long-acting antipsychotics, ADR, AMSP



Holger Petri, Bad Wildungen*
Das Interaktionspotenzial der Anxiolytika

Die Anxiolytika sind eine pharmakologisch heterogene Gruppe von Arzneimitteln. Aus der Gruppe der Benzodiazepine sollten Lorazepam und Oxazepam bevorzugt angewandt werden, weil sie ein vorteilhaftes pharmakokinetisches Profil aufweisen. Dieses beinhaltet auch ein inertes Verhalten zu den Cytochrom-P450(CYP)-Enzymen und schließt diesbezügliche Interaktionsrisiken aus. Der Metabolismus von Buspiron erfolgt primär über CYP3A4, weshalb Wechselwirkungen mit CYP3A4-Modulatoren zu beachten sind. Opipramol ist ein Substrat von CYP2D6. Pregabalin wird weitgehend unverändert ausgeschieden. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten der einzelnen Arzneimittel zu den CYP-Enzymen zusammengefasst.

Psychopharmakotherapie 2020;27:29–32.



Referiert & kommentiert
Dr. Claudia Bruhn, Berlin
Risiken von ADHS im Erwachsenenalter

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen bei Erwachsenen (adulte ADHS) sind nach Expertenmeinung in Deutschland zurzeit noch unterdiagnostiziert und untertherapiert. Welche Folgen sich daraus für das Unfallrisiko der Betroffenen ergeben können, diskutierten Experten auf einem von der Firma MEDICE veranstalteten Symposium anlässlich des Kongresses 2019 der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Kaum Evidenz bei psychischen Störungen

Die psychoaktiven Wirkungen von Cannabis mögen nahe legen, medizinische Cannabinoide auch bei verschiedenen psychischen Störungen einzusetzen. Die Studienlage für diesen Off-Label-Use ist allerdings dünn, wie ein umfangreicher systematischer Review zeigt.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Weniger Cannabiskonsum durch unterstützende Gabe von Nabiximols

 Mit einem Kommentar der Autorin

Für entwöhnungswillige Cannabiskonsumenten ist die kontrollierte Anwendung eines Cannabinoids in Verbindung mit psychosozialen Interventionen möglicherweise ein erfolgversprechender Ansatz. Darauf deuten die Ergebnisse einer Phase-III-Studie, in der durch hoch dosierte Anwendung von Nabiximols zumindest der illegale Cannabiskonsum reduziert wurde. Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer schieden jedoch vor Ende der 12-wöchigen Studie aus.



Dr. Maja M. Christ, Stuttgart
Therapien bei neurogenerativen Erkrankungen: "Ran an die Ursache"

Bisherige Ansätze zur Therapie neurogenerativer Erkrankungen sind in der Regel rein symptomatisch. Es sei Zeit, die Krankheitsursachen zu therapieren, sagte Prof. Dr. Günter U. Höglinger, Hannover, auf der Fachpressekonferenz des 92. DGN-Kongresses Ende September 2019 in Stuttgart.



Dr. Maja M. Christ, Stuttgart
Ergänzende Therapie mit Safinamid kann nicht-motorische Symptome verbessern

Morbus Parkinson wird initial mit Dopaminagonisten oder mit Levodopa in Kombination mit Carbidopa behandelt. Im weiteren Verlauf der Erkrankung lässt die Levodopa-Wirkung trotz Dosissteigerungen nach, Nebenwirkungen nehmen zu. Ein mögliches Add-on für Patienten, die täglich mehr als 400 mg Levodopa benötigen und über erste motorische Komplikationen klagen, ist Safinamid. Auf einem von der Firma Zambon veranstalteten Satelliten-Symposium im Rahmen des 92. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie wurden aktuelle Studien zu ergänzenden Therapien bei Parkinson vorgestellt.



Simone Reisdorf, Erfurt
Nichtinterventionelle Studie zeigt hohe Retentionsraten unter Eslicarbazepinacetat

Patienten mit fokaler Epilepsie, die auf eine Mono- oder Kombinationstherapie mit Eslicarbazepinacetat eingestellt werden, nehmen diese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach sechs Monaten noch ein. Das zeigt eine aktuelle Beobachtungsstudie.



Leserbrief
Wolfgang U. Scholz, Dr. rer. nat Stefanie Brune, München
Harnverhalt als interaktionsbedingte Komplikation

Zum Beitrag „Harnverhalt unter der Kombinationstherapie aus Mirtazapin, Risperidon und Solifenacin“ (Psychopharmakotherapie 2019;26:299–302):