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24. Jahrgang Heft 5 Oktober 2017

Editorial
Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, München


Übersicht
Johannes Rösche, Zürich/Rostock, Viviane Bernedo Paredes, Kehl-Kork, Ella Schmid und Ilka Wilharm, Zürich

Beim Einsatz von Generika in der Epileptologie bestehen Bedenken bezüglich eines Herstellerwechsels bei stabil eingestellten Menschen mit Epilepsie. Die neueren Studien zu diesem Thema sind nicht geeignet, diese Bedenken grundsätzlich zu entkräften. Die Neuverordnung einer Substanz kann mit dem für den jeweiligen Kostenträger günstigsten Präparat erfolgen. Dies sollte mit Adhärenz-fördernden Interventionen einhergehen. Nach erfolgreicher Eindosierung eines Präparats sollte wegen des im Einzelfall schwer zu beziffernden Risikos eines Anfallrezidivs oder einer Überdosierung kein Herstellerwechsel mehr erfolgen.

Schlüsselwörter: Rezidivanfälle, Substitution, Überdosierungen, Adhärenz

Psychopharmakotherapie 2017;24:193–203.

The use of generic drugs in the treatment of epilepsy – an update

There is some reservation concerning the switch of generic antiepileptic drugs in the treatment of people with epilepsy, especially when they reached seizure freedom. This narrative review concerning studies from 2009 onwards shows that the newer studies concerning this theme are not appropriate to resolve this reservation completely. At the first prescription of an antiepileptic drug the company may be chosen, which sells the substance at the best price. The patient should be instructed in techniques to improve his adherence. If an antiepileptic drug has been administered successfully, there should be no switch to another generic preparation.

Key words: Seizure relapse, switch, overdose, adherence



Christian Otte, Berlin

Depression einerseits und Adipositas, metabolisches Syndrom und Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM) andererseits zählen aufgrund ihrer Häufigkeit und ihrer großen Krankheitsbürde zu den dringendsten Gesundheitsproblemen weltweit. Zahlreiche longitudinale Studien zeigen, dass eine Depression im Verlauf ein unabhängiger Risikofaktor für das Neuauftreten von Adipositas, metabolischem Syndrom und T2DM ist. Da umgekehrt auch die metabolischen Erkrankungen das Auftreten einer Depression begünstigen, kommt es hier häufig zu einem Teufelskreis. Zudem führen viele Antidepressiva zu einer Gewichtszunahme und einem ungünstigen metabolischen Risikoprofil, aber es gibt wichtige und klinisch relevante diesbezügliche Unterschiede zwischen den einzelnen Substanzen.

In dieser Übersichtsarbeit soll die Evidenz zur Assoziation zwischen Depression und metabolischen Erkrankungen dargestellt, aber vor allem der Zusammenhang zwischen Antidepressiva und metabolischem Risikoprofil diskutiert werden. Zudem wird die aktuelle Evidenz zur antidepressiven Pharmakotherapie bei depressiven Patienten mit komorbider Adipositas, metabolischem Syndrom und T2DM vorgestellt.

Schlüsselwörter: Depression, Antidepressiva, Adipositas, metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus Typ 2

Psychopharmakotherapie 2017;24:204–10.

Impact of major depression and antidepressants on obesity, metabolic syndrome, and type 2 diabetes mellitus

Major depressive disorder (MDD) on the one hand and obesity, metabolic syndrome, and type 2 diabetes mellitus (T2DM) on the other hand are major public health problems due to their high prevalence rates and their high burden of disease. Numerous longitudinal studies have shown that MDD is an independent risk factor for the development of obesity, metabolic syndrome, and T2DM. In turn, these metabolic diseases increase the risk for depression, which often leads to a vicious circle. Moreover, many antidepressants are associated with weight gain and an unfavorable metabolic risk profile. However, there are important and clinically relevant differences between the several classes of antidepressants.

In this narrative review, we will provide an overview on the association between MDD and antidepressants and metabolic disorders. Furthermore, we will discuss the current evidence which antidepressants should be used (and not used) in MDD with comorbid obesity, metabolic syndrome, and T2DM.



Originalarbeit
Jürgen Fritze, Frankfurt a. M., Claudia Riedel, Angelika Escherich, Peggy Beinlich, Karl Broich und Thomas Sudhop, Bonn
Explorative Analyse anhand einer Vollerfassung der Abrechnungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung

In einem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt wird der Off-Label-Use häufig verordneter Arzneimittel in einer Vollerfassung der Abrechnungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung (Daten nach §§ 303a ff. SGB V) untersucht, um Erkenntnisse einerseits über seine Häufigkeit und Art zu gewinnen und andererseits Ansätze für gezielte Forschung für seltene Krankheiten gemäß dem Nationalen Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE) zu identifizieren. In den Jahren 2010 und 2011 variierte der Off-Label-Use von den 25 untersuchten Antidepressiva zwischen 0 % (Amitriptylin) und etwa 60 % (Opipramol). Dieser galt letztlich dem gesamten Spektrum psychischer Störungen. Off-Label-Use durch Ignorieren von Altersbeschränkungen konnte aus methodischen Gründen nur für einen Teil der Antidepressiva ermittelt werden, dort betrug er etwa 0,3 %. Jenseits der unmittelbar mit den zugelassenen Anwendungsgebieten verbundenen bzw. der mutmaßlich den Off-Label-Use motivierenden Morbidität zeigte sich keine Häufung anderer Komorbiditäten. Als seltene Krankheiten, denen der Off-Label-Use galt, wurden die pseudobulbäre emotionale Labilität bei amyotropher Lateralsklerose (Citalopram, Escitalopram, Sertralin) und die Narkolepsie (Imipramin, Reboxetin) identifiziert.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, Off-Label-Use, Nationaler Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE)

Psychopharmakotherapie 2017;24:211–29.

Antidepressants: Spectra of prescribing and morbidity

In an ongoing project supported by the Federal Ministry of Health (BMG) off-label-use of pharmaceuticals with high prescription rates is investigated in a database comprising all citizens covered by public sick funds. The focus is on prevalences and indications as well as on the identification of off-label use specifically addressing rare diseases in the context of the Action Plan of the National Action League for People with Rare Diseases (NAMSE). In the years 2010 through 2011, the off-label-use of the 25 antidepressants investigated varied between 0 % (amitriptyline) up to 60 % (opipramol). The off-label use essentially addressed the whole spectrum of psychiatric disorders. Off-label use by ignoring limits of age due to methodological reasons could be assessed only in a subset of antidepressants where it amounted to some 0.3 %. No comorbidities potentially signaling specific risks of antidepressants, e. g. fractures as an indicator for falls, were detected. Pseudobulbar emotional instability in amyotrophic lateral sclerosis (citalopram, escitalopram, sertraline) and narcolepsy (imipramine, reboxetine) were detected as rare diseases putatively addressed by the off-label-use.

Key words: antidepressants, off-label-use, National Action League for People with Rare Diseases, NAMSE



GESENT-Forum
GESENT e. V., Würzburg


Arzneimittelsicherheit/AMSP
Holger Petri, Bad Wildungen*
Das Interaktionspotenzial konventioneller Zytostatika

Bei gleicher Dosis antineoplastischer Arzneimittel kann das individuelle Ansprechen hinsichtlich klinischer Wirksamkeit und Verträglichkeit stark variieren. Unterschiedliche Plasmaspiegel einzelner Zytostatika und ihrer Metaboliten sind auch abhängig von der Funktionalität der Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzyme. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten häufig eingesetzter Krebsmittel zu den CYP-Enzymen dargestellt.

Psychopharmakotherapie 2017;24:231–4.



Referiert & kommentiert
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Cannabidiol reduziert Anfallshäufigkeit

Cannabidiol, ein Bestandteil der Hanfpflanze mit geringer psychoaktiver Wirkung, konnte bei Kindern mit dem Dravet-Syndrom im Vergleich zu Placebo die Anfallsfrequenz senken. Allerdings ging dieser Erfolg mit einer größeren Nebenwirkungsrate einher.



Dr. Alexander Kretzschmar, München
Cladribin zur Therapie der schubförmigen MS

Auf den Jahrestagungen 2017 der amerikanischen und europäischen Neurologengesellschaft (AAN, EAN) wurden neue Daten aus dem klinischen Studienprogramm für Cladribin vorgestellt. Insgesamt liegen für Cladribin inzwischen Studiendaten über bis zu acht Jahre, entsprechend rund 10 000 Patientenjahren vor. Ende August 2017 hat die Europäische Kommission den Arzneistoff zur Therapie der schubförmigen MS bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität zugelassen (Mavenclad®).



Dr. Alexander Kretzschmar,München
Ocrelizumab: neue Option bei der RRMS und PPMS

Nach Jahren einer T-Zell-orientierten MS-Therapie ist mit der Zulassung des humanisierten, monoklonalen Anti-CD20-Antikörpers Ocrelizumab in den USA für Patienten mit schubförmiger MS (RRMS) und als erste Therapie auch bei der primär progressiven MS (PPMS) jetzt auch eine selektive B-Zell-Depletion als neues Behandlungsprinzip anerkannt. Damit verbindet sich die Erwartung, mit einer frühen und effektiven Therapie bei guter Verträglichkeit die Krankheitsaktivität der MS besser kontrollieren zu können als Basis für ein besseres klinisches Outcome. Der europäische Zulassungsantrag wird zurzeit geprüft.



Abdol A. Ameri, Weidenstetten
Antisense-Oligonukleotid Nusinersen bei SMA zugelassen

Die spinale Muskelatrophie ist eine seltene Erkrankung, die durch einen genetisch bedingten Mangel an SMN(Survival motor neuron)-Protein zu einer Degeneration von Motoneuronen aus dem Rückenmark und dem unteren Hirnstamm führt und somit zu einer progredienten Muskelschwäche und -atrophie. Bisher konnte die Erkrankung nur supportiv behandelt werden. Mit der Zulassung von Nusinersen zur Therapie der 5q-assoziierten SMA, der häufigsten Form der spinalen Muskelatrophie, steht erstmals eine spezifische medikamentöse Therapie zur Verfügung. Das Antisense-Oligonukleotid bewirkt, dass wieder ausreichende Mengen von SMN produziert werden können, und verbessert die motorischen Funktionen von Patienten mit infantiler und später einsetzender SMA. Die zulassungsrelevanten Daten wurde bei einer von Biogen veranstalteten Pressekonferenz vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Therapie bei bipolarer Erkrankung und Schizophrenie vorsichtig weiterführen

Schwangere Frauen mit bipolarer Erkrankung oder Schizophrenie sollten nach sorgfältiger Information und Einwilligung mit der geringst möglichen Dosis eines atypischen Antipsychotikums weiterbehandelt werden. Dies ist nach den Ergebnissen eines systematischen Reviews die sinnvollste und risikoärmste Vorgehensweise.



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
In der Phasenprophylaxe kommt Lithium dem Behandlungsziel am nächsten

In einer naturalistischen Studie wurden Patienten mit Bipolar-I-Störung, die sich nach einer depressiven oder manischen Episode unter der prophylaktischen Therapie mit Lithium, Carbamazepin oder Valproinsäure stabilisiert hatten, bis zu zehn Jahre weiter beobachtet. Dabei zeigte sich, dass Lithium relativ am besten prophylaktisch wirksam war.

( Mit einem Kommentar von Priv.-Doz. Dr. D. Angersbach, Wolfratshausen



Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Transkranielle Gleichstromstimulation ist Escitalopram unterlegen

Patienten mit einer mäßigen bis schweren Major Depression profitieren von einer transkraniellen Gleichstromstimulation weniger stark als von einer Behandlung mit Escitalopram, so das Ergebnis einer monozentrischen Doppelblindstudie. Häufige Nebenwirkungen der Elektrotherapie sind neben Hautirritationen Nervosität und Tinnitus.



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
Brexpiprazol als Zusatztherapie verringert die depressive Symptomatik

In zwei randomisierten, kontrollierten Studien hatten depressive Patienten, die auf eine achtwöchige antidepressive Behandlung nicht oder unzureichend ansprachen, zusätzlich Brexpiprazol oder Placebo erhalten. Gemessen an der Veränderung des Scores der Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS) vom Einschluss bis zum Endpunkt (Woche 6) kam es mit Tagesdosen von 2 und 3 mg Brexpiprazol zu einer Besserung. In einer Post-hoc-Analyse wurden nun insbesondere die Patienten betrachtet, die nach Kriterien des DSM-5 durch Angstsymptome belastet waren. Im Vergleich zu Placebo führte die zusätzliche Behandlung mit Brexpiprazol zu signifikanten Verbesserungen. Häufigste unerwünschte Wirkung war das dosisabhängige Auftreten von Akathisie.

( Mit einem Kommentar von Priv.-Doz. Dr. D. Angersbach, Wolfratshausen



Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Bessere Überlebensraten – aber Vorsicht bei Therapiebeginn

Opioid-Substitutionsprogramme mit Methadon und Buprenorphin reduzieren die Mortalität der Opioid-Abhängigen deutlich. Die Methadon-Substitution sollte aber in den ersten Wochen engmaschig überwacht werden, da hier vermehrt Todesfälle vorkommen können. Nach Absetzen der Substitution ist bei beiden Regimes mit einem Mortalitätsanstieg zu rechnen. Das ergab die Metaanalyse einer Reihe von Kohortenstudien.