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23. Jahrgang Heft 3 Juni 2016

Editorial
Prof. Dr. Walter E. Müller, Worms


Übersicht
Sandra Thiel, Bochum/Düsseldorf, Ralf Gold und Kerstin Hellwig, Bochum

Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung, die zunehmend bei jungen Frauen im gebärfähigen Alter diagnostiziert wird. Sowohl für behandelnde Ärzte als auch die Betroffenen ergeben sich Fragen, nicht nur zu den gegenseitigen Wechselwirkungen MS und Schwangerschaft an sich, sondern vor allem auch zum richtigen Umgang mit den verschiedenen immunmodulatorischen Therapien vor, während und nach einer Schwangerschaft. Im folgenden Artikel möchten wir versuchen, viele dieser praktisch relevanten Aspekte zu klären. Wir werden uns dabei sowohl auf die gängige Literatur als auch auf die aktuellen Sicherheitsdaten arzneimittelexponierter Schwangerschaften, die im Oktober 2015 auf dem Europäischen MS-Kongress (Ectrims) in Barcelona vorgestellt wurden, und auf unsere eigene Erfahrungen, gewonnen aus dem Aufbau eines bundesweiten MS- und Schwangerschaftsregisters, beziehen und die aktuellen Leitlinien, erstellt vom Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS), einfließen lassen.

Schlüsselwörter: Multiple Sklerose, Schwangerschaft, immunmodulatorische Therapien

Family planning and multiple sclerosis

Multiple sclerosis (MS) mostly affects young women of reproductive age. Patients and treating physicians are frequently confronted with questions concerning family planning, pregnancy, delivery, and when to stop disease modifying therapies prior to conceiving due to unknown safety of immunomodulatory drug exposure in early pregnancy.

This article aims to answer most of these practically relevant aspects. We will refer to the existing literature, to recently available safety data from the 31st Congress of the European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) in October 2015, to our experiences from the German Multiple Sclerosis and Pregnancy Registry and to the guidelines of Network Multiple Sclerosis (Kompetenznetz Multiple Sklerose KKNMS).

Key words: Multiple sclerosis, pregnancy, disease modifying therapies

Psychopharmakotherapie 2016;23:88–95.



Christian Brandt und Christian G. Bien, Bielefeld

Mit Brivaracetam ist ein neues Antiepileptikum zur Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren zugelassen worden. Brivaracetam bindet, wie Levetiracetam, an das synaptische Vesikelprotein SV2A. Brivaracetam weist allerdings im Tiermodell und bei Studien mit menschlichen Hirnschnitten eine höhere SV2A-Affinität auf. In mehreren multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studien wurden Wirksamkeit und Verträglichkeit geprüft. Aus den Daten ergibt sich eine empfohlene Einstiegsdosis von 50 bis 100 mg, verteilt auf zwei Einzeldosen, gegebenenfalls mit Aufdosierung bis 200 mg Tagesdosis. Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schwindel werden in mehreren Studien als relevante Nebenwirkungen angegeben, psychische Nebenwirkungen traten im Vergleich zu den Zulassungsstudien von Levetiracetam seltener auf.

Schlüsselwörter: Fokale Epilepsie, Anfälle, Behandlung, SV2A-Liganden, Levetiracetam

Brivaracetam – a new antiepileptic drug

Brivaracetam, a new antiepileptic drug, has been approved for the adjunctive treatment of focal epilepsy in adults and adolescents over 16 years. Brivaracetam binds – like levetiracetam – to the synaptic vesicle protein SV2A. However, brivaracetam has been shown in animal models and in studies using human brain slices to have a higher SV2A affinity. Efficacy and safety have been tested in several multicenter, randomized, double-blind, placebo-controlled trials. The data lead to a recommended initial dose of 50 to 100 mg, divided into two daily doses. Up-titration to 200 mg daily dose is possible. Headache, fatigue and dizziness have been reported in several studies as relevant side effects, psychiatric side effects were – compared to the pivotal studies of levetiracetam – seen less frequently.

Key words: Focal epilepsy, seizures, treatment, SV2A ligands, levetiracetam

Psychopharmakotherapie 2016;23:97–101.



Walter E. Müller, Frankfurt/M., Anne Eckert, Basel, Gunter P. Eckert, Gießen, Heidrun Fink, Berlin, Kristina Friedland, Erlangen, Robert Hörr, Karlsruhe, Ralf Ihl, Krefeld, Siegfried Kasper, Wien, und Hans-Jürgen Möller, München
Ein präklinisches und klinisches Update im Wandel klinischer und ätiopathogenetischer Konzepte der Alzheimer-Demenz

Der aus den Blättern des Ginkgo-Baums gewonnene Spezialextrakt EGb 761® wurde vor 50 Jahren in die Therapie eingeführt und ist seit dieser Zeit in Deutschland unter dem Handelsnamen Tebonin® erhältlich. Von Anfang an wurde er bei Hirnleistungsstörungen im Alter eingesetzt, anfangs unter der Diagnose hirnorganisches Psychosyndrom, später dann unter der Diagnose einer Demenz vom Alzheimer-Typ bzw. vaskulärer Demenz. Wegen zum Teil methodischer Mängel einiger der älteren Studien wurde der klinische Einsatz von EGb 761® bei Demenz aber lange kontrovers beurteilt. Diese Skepsis wurde auch durch den sich langsam herauskristallisierenden Wirkungsmechanismus von EGb 761® verstärkt, weil eine Verbesserung der mitochondrialen Funktion und damit der neuronalen Leistungsfähigkeit und der neuronalen Plastizität nicht spezifisch für die Demenz ist, sondern auch für Altersdefizite zum Tragen kommt.

Erst mit der Erkenntnis der letzten Jahre, dass eine mitochondriale Dysfunktion einen wesentlichen Pathomechanismus für das gesamte Spektrum von altersassoziierten kognitiven Defiziten darstellt, auch für die Alzheimer-Demenz, hat man realisiert, dass eine Verbesserung der mitochondrialen Funktion über das gesamte Spektrum der altersassoziierten kognitiven Störungen nicht nur wirksam sein kann, sondern muss. Dies hat dazu geführt, dass eine positive Bewertung von EGb 761® inzwischen unter anderem auch ihren Eingang in die Demenz-Leitlinien der Weltgesellschaften für biologische Psychiatrie und die akt-uellen S3-Leitlinien Demenz gefunden hat

Schlüsselwörter: Ginkgo, EGb 761®, mitochondriale Funktion, Demenztherapie

The Ginkgo special extract EGb 761® (Tebonin®). A preclinical and clinical update in respect to the different clinical and neurobiological concepts of Alzheimer‘s disease

The Ginkgo biloba leaves’ special extract EGb 761® was introduced into therapy in Germany 50 years ago under the brand name Tebonin®. Even from the beginning it was used for age-associated cognitive impairment, originally under the diagnosis organic brain syndrome and later fort the diagnosis of dementia either of Alzheimer or vascular type. However, because of methodological problems of several of the older clinical studies, there was always a controversy about its use in the treatment of dementia. The sceptical appraisal was also associated with the mechanism of action of EGb 761®, an improvement of mitochondrial function leading to enhanced neuronal function and improved neuronal plasticity, since these effects were not specific for Alzheimer pathology but also relevant for age-associated memory impairment. However, due to our actual knowledge about mitochondrial dysfunction as a major cause of the whole continuum of age-associated memory disorders including Alzheimer’s disease, it became clear that a drug which improves mitochondrial function should be effective over the whole spectrum, from mild cognitive disturbances up to Alzheimer dementia. Accordingly, a positive assessment of EGb 761® for the treatment of dementia has been included into the guidelines for the treatment of Alzheimer and other dementias of the World Societies of Biological Psychiatry and in the German „S3-Leitlinie Demenz“.

Key words: Ginkgo, EGb 761®, mitochondrial dysfunction, treatment of dementia

Psychopharmakotherapie 2016;23:102–17.



Diskussionsforum
Ralf Ihl, Krefeld/Düsseldorf

Psychopharmakotherapie 2016;23:118–9.



Leitlinie kompakt
Heinz Reichmann, Dresden

Psychopharmakotherapie 2016;23:120–4.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Timo Krüger, Maria Jockers-Scherübl, Hennigsdorf, Renate Grohmann, Eckart Rüther, München, und Detlef Degner, Göttingen

Wir berichten über eine 76-jährige Patientin, die unter Psychopharmakotherapie mit Venlafaxin retard und Olanzapin einen Grand-mal-Anfall entwickelte. Aufgrund einer bestehenden schweren Osteoporose und der oralen Antikoagulation mit Dabigatran entwickelten sich daraus schwerwiegende Komplikationen, die zu einem letalen Ausgang dieser unerwünschten Arzneimittelwirkung führten. Neben der Falldarstellung erfolgt eine Diskussion der Zusammenhangsbeurteilung unter Einbeziehung relevanter Literatur.

Schlüsselwörter: Venlafaxin, Olanzapin, Krampfanfälle, epileptische Anfälle, AMSP

Development of epileptic seizures under therapy with olanzapine and venlafaxine ER with fatal outcome

A 76 year old patient was treated with venlafaxine ER followed by an augmentation with olanzapine. Few days after exposure she developed new-onset generalized seizures. Due to somatic comorbidities such as osteoporosis and an oral anticoagulation with dabigatran the adverse event resulted in a fatal outcome.

Key words: Venlafaxine, olanzapine, epileptic seizures, seizures, AMSP

Psychopharmakotherapie 2016;23:125–8.



Hoger Petri, Bad Wildungen*
Das Interaktionspotenzial der trizyklischen Antidepressiva (TZA)

Für die Bewertung des pharmakokinetischen Interaktionspotenzials der trizyklischen Antidepressiva (TZA) ist die Affinität zu den beiden Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzymen 2C19 und 2D6 von maßgeblicher Bedeutung. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten der Substanzen zu den Cytochrom-P450-Isoenzymen dargestellt.

Psychopharmakotherapie 2016;23:129–32.



Referiert & kommentiert
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Absetzen von Antihypertensiva bei Senioren ohne Einfluss auf die Kognition

Bei Senioren mit leichten kognitiven Defiziten verbesserte das Absetzen einer antihypertensiven Therapie bei einer Studiendauer von 16 Wochen weder die kognitiven Fähigkeiten noch die Lebensqualität oder Funktionalität im Alltag im Vergleich zur Kontrollgruppe.



Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Bei regelmäßiger Einnahme steigt das Demenzrisiko

Die regelmäßige Einnahme von Protonenpumpenhemmern ist bei über 75-Jährigen mit einem erhöhten Risiko für eine Demenzentwicklung assoziiert. Das zeigt eine große Registerstudie mit über 73 000 AOK-Versicherten.



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
Celecoxib als Adjuvans bei manischen Episoden

In einer sechswöchigen doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Entzündungshemmers Celecoxib im Vergleich zu Placebo als Zusatztherapie zu Na-Valproat bei Patienten mit einer akuten bipolaren Manie untersucht. Primärer Wirksamkeitsparameter war die Veränderung des Scores der Young Mania Rating Scale (YMRS) vom Einschluss bis zum Endpunkt (Woche 6). Sekundärer Parameter war unter anderen die Änderung des Scores der Hamilton Depression Rating Scale (HAMD) von Einschluss bis Woche 6. Nach Woche 3 und 6 hatte sich der YMRS-Score unter Celecoxib signifikant stärker gebessert als unter Placebo. Auch bei den sekundären Parametern war die Celecoxib- der Placebo-Behandlung signifikant überlegen. Zwischen beiden Gruppen gab es keine Unterschiede in der Häufigkeit unerwünschter Ereignisse.

( Mit einem Kommentar von Priv.-Doz. Dr. D. Angersbach, Wolfratshausen



Solvejg Langer, Stuttgart
„Pink Viagra“ wenig wirksam

Flibanserin ist in den USA zur Behandlung von Frauen mit hypoaktiver Sexualfunktionsstörung zugelassen. Eine Metaanalyse von acht Studien ergab eine geringe Wirksamkeit bei einem eher ungünstigen Sicherheitsprofil.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Fingolimod nicht bei primär progredienter MS

Die Krankheitsprogression bei einer primär progredienten multiplen Sklerose (PPMS) wird durch die Gabe von Fingolimod nicht verlangsamt. Das ergab die Phase-III-Studie INFORMS, die im März im Lancet veröffentlicht wurde.