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22. Jahrgang Heft 4 August 2015

Editorial
Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Pulheim


Übersichten
Walter E. Müller, Worms

Kognitive Störungen sind häufige Symptome depressiver Patienten und haben wesentlichen Anteil an ihrer sozialen und beruflichen Beeinträchtigung. Im Gegensatz zu den anderen Symptomen der Depression nehmen kognitive Symptome unter antidepressiver Therapie zwar auch ab, persistieren aber häufig lange über die Remission hinaus. Offensichtlich gehen Teile der kognitiven Störungen depressiver Patienten auf neurobiologische Mechanismen zurück, die über die eigentlichen Ursachen der Depression hinausgehen, wobei hier vieles für eine spezifische serotonerge Störung spricht. Dies geht hauptsächlich auf Untersuchungen über eine experimentelle zentrale Serotonin-(5-HT-)Verarmung (Tryptophandepletionstest) zurück, da eine Tryptophandepletion (TPD) kognitive Defekte auslösen kann, und zwar bei gesunden Probanden, ohne selbst einen Effekt auf die Stimmung zu zeigen, und bei remittierten depressiven Patienten, wo der Effekt der TPD auf die Kognition meist deutlicher ausgeprägt ist als auf Stimmungsparameter und oft auch bei Patienten gesehen wird, die affektiv unverändert bleiben. Da TPD auch in Tiermodellen kognitive Störungen auslösen kann, scheint eine eher unspezifische zentrale Serotoninverarmung mit kognitiver Beeinträchtigung einher zu gehen. Im Widerspruch zu dieser Hypothese stehen Befunde, dass spezifische Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die zu einer unspezifischen Erhöhung der extrazellulären Serotoninkonzentration im ZNS führen, eher keine spezifischen Effekte auf kognitive Defizite depressiver Patienten zeigen, oder auch Befunde von Labortieren nach TPD. Positive Effekte auf kognitive Störungen sind aber deutlich bei der neuen Substanz Vortioxetin vorhanden, obwohl die Substanz zunächst auch nur zu einer Erhöhung der extrazellulären Serotoninkonzentration führt. Die Erklärung liegt darin, dass Serotonin im Rahmen der komplexen Funktion des serotonergen Systems im ZNS kognitionsfördernde, aber auch kognitionsbeeinträchtigende Mechanismen vermittelt, die aber über unterschiedliche Rezeptoren gesteuert werden. Hier sind es vor allem der 5-HT3- und der 5-HT7-Rezeptor, deren Antagonisierung mit kognitionsverbessernden Effekten verbunden ist. Da Vortioxetin beide Serotoninrezeptoren potent antagonisiert, wird der positive Effekt auf Kognition erklärbar. Damit zeigt diese neue Substanz antidepressive Eigenschaften über eine Erhöhung des Serotoninspiegels und agonistische Effekte an den für Affektregulation wichtigen 5-HT1A-Rezeptoren sowie positive Effekte auf kognitive Störungen über den Antagonismus von 5-HT3- und 5-HT7-Rezeptoren, besonders nach serotonerger Dysfunktion.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, Verbesserung der Kognition, Vortioxetin, präklinische Daten

Antidepressant drugs and cognitive dysfunction: the role of vortioxetine

Cognitive dysfunctions are frequent symptoms of depression which only partly respond to antidepressant treatment but persist frequently over remission of other symptoms. The assumption that the mechanisms underlying cognitive dysfunction or other symptoms of depression might differ was confirmed by studies using tryptophan-depletion where cognition was much more sensitive than mood. Although this might indicate an association between low serotonin and cognitive dysfunction in depression, SSRI’s, which elevate serotonin, are not very active in reducing cognitive dysfunction in depression or in respective animal models. However, such effects are clearly present for the new multimodal antidepressant vortioxetine which not only elevates serotonin but also shows substantial affinity for many serotonin receptors. Some of these receptors, mainly 5-HT3 and 5-HT7 have negative effects on cognition once activated by serotonin. These negative effects of serotonin elevation e. g. in case of vortioxetine are blocked by its own receptor profile.

Key words: Antidepressant drugs, cognitive improvement, vortioxetine, animal data

Psychopharmakotherapie 2015;22:177–88.



Here Folkerts, Wilhelmshaven, und Christoph Goemann, Hamburg

Vortioxetin gehört zur Gruppe der neuen multimodalen Antidepressiva; es wirkt über mehrere komplementäre pharmakologische Mechanismen, indem es verschiedene Serotoninrezeptoren moduliert und zusätzlich den Serotonintransporter inhibiert. Vortioxetin besitzt unter anderem Affinität zu den Serotoninrezeptor-Subtypen 5-HT1A, 5-HT1B, 5-HT7, 5-HT1D und 5-HT3 sowie zum Serotonintransporter SERT. In klinischen Studien zeigte Vortioxetin gute Wirksamkeit und Verträglichkeit bei der Behandlung von Depressionen. Anhand von mehreren Fallbeispielen wird hier gezeigt, dass diese positiven Ergebnisse auch im Praxisalltag bestätigt werden. Vortioxetin fand gute Akzeptanz bei den Patienten aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofils und der guten Wirksamkeit.

Schlüsselwörter: Depression, Antidepressiva, multimodale Antidepressiva, Vortioxetin

First experience with vortioxetine in outpatients and hospitalized patients

Vortioxetine is one of the new multimodal antidepressants; it works through a combination of two complementary mechanisms of action: serotonin receptor activity modulation and serotonin reuptake inhibition. vortioxetine has binding affinity to the serotonin receptor subtypes 5-HT1A, 5-HT1B, 5-HT7, 5-HT1D, and 5-HT3 (among others) as well as to the serotonin transporter SERT. In clinical trials Vortioxetine was effective and well tolerated in the treatment of major depression. The authors present several case histories demonstrating that these positive results are corroborated in everyday medical practice. There was a high level of acceptance of vortioxetine among patients due to the excellent safety profile and good efficacy.

Key words: Depression, antidepressants, vortioxetine

Psychopharmakotherapie 2015;22:189–96.



Hans-Peter Volz*, Werneck, Siegfried Kasper, Wien, und Hans-Jürgen Möller, München

Somatoforme Störungen sind häufig und können zu beträchtlichen diagnostischen und therapeutischen Schwierigkeiten führen. Während im DSM-IV-R und in der ICD-10 ein Kerncharakteristikum dieser Störung ist, dass es keine organische Ursache für die geklagten Beschwerden geben darf, wurde dies im DSM-5 geändert; dort kommt es nun vor allem auf den affektiven Gehalt der Beschwerden an. Ein ungelöstes Problem ist die Behandlung dieser Störungen. Neben verhaltenstherapeutischen Ansätzen wurden eine ganze Reihe von Psychopharmaka auf ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit bei dieser Störungsgruppe untersucht. Allerdings gibt es keinen Konsens, welches Instrument als Hauptwirksamkeitsparameter verwendet werden sollte. In der vorliegenden Arbeit werden zunächst alle Studien mit Psychopharmaka in diesem Bereich identifiziert und aufgeführt, sodann werden die doppelblinden, randomisierten Studien näher untersucht. Zwei Wirksamkeitsinstrumente wurden vornehmlich verwendet: Der somatische Subscore der Hamilton-Angstskala und der PHQ(Patient Health Questionnaire)-15. Es werden Überlegungen aufgeführt, welche Vor- und Nachteile diese beiden Instrumente aufweisen.

Schlüsselwörter: Somatoforme Störungen, ICD-10, DSM-IV-R, DSM-5, randomisierte kontrollierte doppelblinde Studien, Hamilton-Angstskala, PHQ-15

Somatoform disorders and options of change measurement

Somatoform disorders are prevalent and can lead to profound diagnostic and therapeutic difficulties. Whereas in DSM-IV-R and ICD-10 absence of somatic reason is a core criterion, this was changed in DSM-5. There, the diagnosis of this disorder is mainly based on the affective content of the somatic complaints. An unsolved issue is the therapy of these disorders. Besides cognitive-behavioral approaches, psychotropic agents have also been investigated regarding their efficacy and safety. However, there is no consensus, which instrument should be used to measure the main efficacy outcome criterion. In this paper the relevant studies using psychotropic compounds are first identified and characterized, then the double-blind, randomized studies are more thoroughly evaluated. Two instruments were mostly used to measure efficacy: the somatic subscore of the Hamilton Anxiety Scale and the PHQ(Patient Health Questionnaire)-15. The advantages and disadvantages of both scales are described.

Key words: Somatoform disorders, ICD-10, DSM IV-R, DSM-5, randomized, controlled, double-blind trials, Hamilton Anxiety Scale, PHQ-15

Psychopharmakotherapie 2015;22:197–204.



Originalarbeiten
Katharina Wenzel-Seifert, Regensburg, Claus-Peter Ostermaier, Werneck, Andreas Conca, Bolzano, und Ekkehard Haen, Regensburg

Einleitung: Obwohl sexuelle Dysfunktionen (SD) unter antidepressiver Pharmakotherapie sehr häufig auftreten, werden sie nur selten spontan von den Patienten berichtet oder vom behandelnden Arzt erfragt. In dieser Übersichtsarbeit soll das Risiko von Antidepressiva für das Auftreten von SD sowie deren Prophylaxe und Therapie bewertet werden. Methode: Für die Zusammenstellung der Wirkstoff-spezifischen Risiken von Antidepressiva für das Auftreten von SD sowie deren Therapie wurde eine PubMed-Recherche durchgeführt und die Literatur nach den Kriterien evidenzbasierter Medizin bewertet. Ergebnisse: Vor allem serotonerg wirkende Antidepressiva, wie die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Venlafaxin und die trizyklischen Antidepressiva (TZA) Clomipramin, Amitriptylin, Doxepin und Imipramin weisen mit Inzidenzen bis zu 80 % ein hohes Potenzial für SD auf. Im Gegensatz dazu sind Bupropion, Agomelatin, Trazodon, Moclobemid und auch Mirtazapin als günstig zu bewerten. Für die Behandlung Antidepressiva-assoziierter SD liegen lediglich für die Augmentation mit Bupropion oder dem Phosphodiesteraseinhibitor Sildenafil evidenzbasierte Wirkungsnachweise vor. Alternativ kommt die Umstellung auf ein Antidepressivum mit niedrigerem Risiko für SD infrage. Diskussion: Da sexuelle Funktionsstörungen nicht nur die Lebensqualität, das Selbstwertgefühl, die Partnerbeziehung und das Allgemeinbefinden beeinträchtigen, sondern auch zu einer hohen Abbruchrate und damit auch Rezidivrate führen, sollten sie vor und unter Therapie mit Antidepressiva systematisch erfragt werden.

Schlüsselwörter: Sexuelle Dysfunktion, Sexuelle Funktionsstörungen, Antidepressiva, SSRI, Bupropion

Antidepressant-induced sexual dysfunction

Introduction: Although antidepressant-induced sexual dysfunction is very common it is rarely reported spontaneously by the patients or enquired by the attending physicians. In this review the risk of antidepressants for causing sexual dysfunction (SD), the therapy and prophylaxis of this SD will be evaluated.

Method: For assembling the substance-specific risks of antidepressants for causing sexual dysfunction as well as its therapy, a PubMed search was performed. The publications were evaluated according to the standards of evidence-based medicine.

Results: Particularly, serotonergic acting antidepressants such as the selective serotonin reuptake inhibitors (SSRI), venlafaxine, and among the tricyclic antidepressants (TCA) clomipramine, amitriptyline, doxepin and imipramine show a high potential for SD with incidences up to 80 %. In contrast, bupropion, agomelatine, trazodone, moclobemide, tianeptine and also mirtazapine are evaluated as more favorable. For treatment of antidepressant-induced SD evidence based findings are only available for augmentation with bupropion or the phospodiesterase inhibitor sildenafil. Alternatively, the conversion to an antidepressant with a lower risk for SD can be chosen.

Discussion: Since sexual dysfunction does not only affect quality of life, self-esteem, the partner relationship, and the general condition, but also leads to a high dropout rate and thus recurrence rate, it should be assessed systematically before and under treatment with antidepressants.

Key words: Sexual dysfunction, sexual disorder, antidepressants, SSRI, bupropion

Psychopharmakotherapie 2015;22:205–11.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Dominik Dabbert, Jörg Zimmermann, Bremen, Sermin Toto, Hannover, und Renate Grohmann, München

Suizidgedanken und suizidales Verhalten unter SSRI-Therapie sind ein in der Literatur der letzten Jahre häufig diskutiertes Phänomen. Im vorliegenden Fallbericht wird der Verlauf eines 40-jährigen Patienten dargestellt, der nach einer dreitägigen Gabe von 50 mg Sertralin zwei Tage nach dem Absetzen ich-dystone Suizidgedanken entwickelte. Der Fall schildert plastisch die seltene, jedoch in der Ausprägung bedeutsame und eindrückliche Entwicklung von ich-dystoner Suizidalität nach SSRI-Gabe.

Schlüsselwörter: SSRI, Suizidalität, unerwünschte Arzneimittelwirkung

Ego-dystonic suicidal thoughts following discontinuation of three-days’ treatment with sertraline

Suicidal thoughts and suicidal behaviour are an often discussed, but rare adverse event of a treatment with selective serotonin reuptake-inhibitors. The following case report shows the importance of the alertness of this side effect. A 40 year old man received 50 mg sertraline daily. After three days, he collapsed for unknown reasons and quit medication. On the two following days he developed ego-dystonic suicidal thoughts that felt very different from the known, depression-like suicidal thoughts he experienced 15 years ago.

Key words: SSRI, adverse reaction, sertraline

Psychopharmakotherapie 2015;22:212–3.



Holger Petri, Bad Wildungen*
Das Interaktionspotenzial der H2-Rezeptorenblocker

Von den in Deutschland verfügbaren drei Histamin-2(H2)-Rezeptorenblockern wird allein Ranitidin noch in nennenswerter Menge verordnet. Cimetidin als ältester Vertreter dieser Stoffgruppe inhibiert verschiedene Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzyme und hat damit, verglichen mit Famotidin und Ranitidin, ein risikoreicheres Wechselwirkungspotenzial. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten der drei Substanzen zu den Cytochrom-P450-Isoenzymen dargestellt.

Psychopharmakotherapie 2015;22:214–5.



Referiert & kommentiert
Gabriele Blaeser-Kiel, Hamburg
Unterschiedlicher Einfluss auf das emotionale Erleben

Global betrachtet gelten alle Antidepressiva als gleichermaßen wirksam. Differenziert man jedoch nach Leitsymptomatik, dann lassen sich sehr wohl Unterschiede zwischen den verschiedenen Wirkprinzipien erkennen. Zur Regeneration und Stärkung der positiven Emotionalität scheinen Substanzen, die auf die dopaminerge und noradrenege Aktivierung abzielen, wie Agomelatin, besser geeignet zu sein als die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, hieß es bei einem von der Servier Deutschland GmbH unterstützten Symposium beim DGIM-Kongress in Mannheim.



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
Duloxetin verringert die Angstsymptome älterer Patienten

In einer Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie wurde die anxiolytische Wirksamkeit von Duloxetin (flexible Dosis von 30–120 mg/Tag) bei älteren Patienten mit einer generalisierten Angststörung untersucht. Primärer Wirksamkeitsparameter war die Änderung des Scores der Hamilton Anxiety Rating Scale (HAMA) vom Einschluss bis zum Endpunkt (Woche 10). Ab Woche 4 verringerte Duloxetin den HAMA-Score im Vergleich zu Placebo signifikant (p < 0,001). Die häufigsten unerwünschten Wirkungen unter Duloxetin waren Übelkeit, Verstopfung und Mundtrockenheit.

( Mit einem Kommentar von Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen



Abdol A. Ameri, Weidenstetten
Atypische Depot-Antipsychotika haben positive Effekte auf Funktionsniveau und Lebensqualität

Schizophrenie ist mit Beeinträchtigungen des psychosozialen Funktionsniveaus und der Lebensqualität assoziiert, die im Krankheitsverlauf weiter zunehmen. Neue Studiendaten weisen darauf hin, dass die frühzeitig beginnende, kontinuierliche Behandlung mit atypischen Depot-Antipsychotika eine fortschreitende Verschlechterung des Funktionsniveaus und der Lebensqualität verhindern können.



Dr. Danielle A. Stegmann, Stuttgart
Sicherheit von atypischen Antipsychotika

In einer stringent gematchten kanadischen Kohorten-Studie zeigte sich für die isolierte Anwendung von Atypika in der Schwangerschaft kein erhöhtes negatives Risiko für die mütterliche Gesundheit oder die wichtigsten Geburtsparameter verglichen mit einer Kontroll-Gruppe. Dennoch ist der Einfluss verschiedener anderer Faktoren unklar. Für eine werdende Mutter mit ernsthafter psychotischer Erkrankung wird die Weiterführung einer antipsychotischen Therapie mit Atypika zur psychiatrischen Stabilisierung während und nach der Schwangerschaft aber als sicher gerechtfertigt angesehen.