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21. Jahrgang Heft 4 August 2014

Editorial
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Gerd Laux, Haag i. OB/München


Übersichten
Rainer Hellweg, Berlin, und Christoph Goemann, Hamburg
Präklinische Daten und der potenzielle Zusammenhang zur Ätiologie der Depression

Die heutige antidepressive Therapie mit hochselektiven Substanzen muss sich nach wie vor einer Reihe von ungelösten Herausforderungen stellen: Nur etwa die Hälfte der Patienten spricht auf die Behandlung an; die Wirkung setzt erst mit einer gewissen Latenz ein und kognitive Dysfunktion im Rahmen einer Depression stellen selten ein Behandlungsziel dar. Kognitive Dysfunktion begleitet jedoch Depression in ihrer akuten Phase, persistiert häufig, wenn eine Remission erreicht wird, und trägt zum Rückfallrisiko bei. Das multimodale Antidepressivum Vortioxetin eröffnet die Aussicht, durch multiple, synergistische Wirkungsmechanismen Depressionen unterschiedlicher Ätiologie zu behandeln und damit mehr Zielstrukturen zu erreichen. Darüber hinaus hat Vortioxetin durch seine individuelle Kombination von Wirkungen am Serotonin-Transporter (SERT) und den 5-Hydroxytryptamin(5-HT)-Rezeptoren 5-HT1A, 5-HT1B, 5-HT3 und 5-HT7 und 5-HT1D das Potenzial, wirksam und gut verträglich zu sein sowie möglicherweise auch kognitive Dysfunktion positiv zu beeinflussen.

Schlüsselwörter: Major Depression, multimodale Antidepressiva, kognitive Defizite, Vortioxetin

Effect of vortioxetine on depressive symptoms of major depression. Preclinical data and the potential relationship to the etiology of depression.

Today’s antidepressive therapy with highly selective drugs is confronted with a number of unmet needs: only about half of the patients respond to therapy, a considerable latency period, and symptoms like cognitive deficits are rarely treatment targets. However, cognitive deficits are part of the acute phase of depression, persist during remission, and contribute to the high relapse rate in major depression. The new generation of multimodal antidepressives like vortioxetine has several synergistic modes of action and thus open the prospect of treating depression of varying etiology and reaching a larger number of molecular targets. Vortioxetine with its combination of activities at the serotonin transporter (SERT) and the receptors 5-HT1A, 5-HT1B, 5-HT1D, 5-HT3, and 5-HT7 has the potential to act fast and safely. In addition, it may improve cognitive deficits.

Key words: Major depression, multimodal antidepressives, cognitive deficits, vortioxetine

Psychopharmakotherapie 2014;21:134–41.



Thomas Messer, Pfaffenhofen, und Christoph Goemann, Hamburg
Studien zur Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit

Mit Vortioxetin ist seit Ende 2013 unter dem Handelsnamen Brintellix® ein neuartiges Antidepressivum für den europäischen Markt zugelassen. Der Wirkstoff wird der Klasse der sogenannten multimodalen Antidepressiva zugeordnet, weil er mit verschiedenen Serotonin-Rezeptoren interagiert und zusätzlich den Serotonin-Transporter inhibiert. Plazebo-kontrollierte, doppelblinde Kurz- und Langzeitstudien, teilweise mit aktiver Referenzsubstanz, lieferten den Nachweis für eine gute antidepressive Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit. Besonders vorteilhaft ist die Datenlage für Vortioxetin hinsichtlich der geringen Inzidenz von unerwünschten Nebenwirkungen und die Hinweise für die Verbesserung kognitiver Störungen im Rahmen einer Depression.

Schlüsselwörter: Depression, Antidepressiva, multimodal

Vortioxetine – a multimodal antidepressant

Under the trade name Brintellix®, vortioxetine, a novel antidepressant, has been approved for the European market in December 2013. The active substance is assigned to the class of the so-called multimodal antidepressants, because it interacts with various serotonin receptors and also inhibits the serotonin transporter. Placebo-controlled, double-blind short- and long-term studies, some with active reference substance, provided evidence for a good antidepressant efficacy, tolerability and safety. Particularly advantageous are the data for vortioxetine regarding the low incidence of adverse side effects and regarding the improvement of cognitive disorders in the context of depression.

Key words: Depression, antidepressants, multimodal

Psychopharmakotherapie 2014;21:142–9.



Originalarbeit
Reinhard Ehret, Berlin, und Karin Lohmüller, Hamburg
Ergebnisse einer nichtinterventionellen Studie über 2 Jahre

ln einer prospektiven, multizentrischen, nichtinterventionellen Studie wurden der klinische Langzeiteffekt und die Verträglichkeit von Piribedil erstmals über zwei Jahre im Praxisalltag untersucht (PIR 008/K). Zum Zeitpunkt der Auswertung lagen die kompletten Daten von 320 Parkinsonpatienten aus 59 Zentren vor. Für diese Langzeitbeobachtung waren Patienten geeignet, die erstmalig Piribedil als Monotherapie oder in Kombination mit Levodopa erhielten oder die aufgrund einer medizinischen Indikation von einem anderen Dopaminagonisten (DA) umgestellt wurden. Die mittlere Piribedil-Dosis betrug etwa 170 mg pro Tag. Nach den ersten 6 Monaten Behandlung mit Piribedil verbesserte sich der UPDRS-III-Wert als Maß für die Motorik um 5,8 Punkte. Die motorische Verbesserung blieb über den gesamten Beobachtungszeitraum erhalten. Auch nach zwei Jahren lag die Schwere der motorischen Symptomatik 2,9 Punkte unter dem Ausgangswert. Ebenso zeigte sich ein positiver Effekt auf die Vigilanz (Epworth sleepiness-scale, ESS): Bei den Patienten mit vorbestehender exzessiver Tagesmüdigkeit konnte die Vigilanz mit Piribedil wiedererlangt werden. Neu eingestellte Patienten entwickelten unter Piribedil keine Tagesmüdigkeit. Des Weiteren zeigte sich bei Patienten mit einer depressiven Symptomatik eine Verbesserung der Stimmung, die gleichsam mit einer leichten Erhöhung der Lebensqualität einherging. Insgesamt wurde die Therapie mit Piribedil von den Patienten gut vertragen. Piribedil hatte in dieser Langzeitstudie über zwei Jahre positive Effekte auf die Motorik, Vigilanz, depressive Symptome und Lebensqualität der Patienten bei guter Verträglichkeit.

Schlüsselwörter: Parkinson, Piribedil, nichtinterventionelle Langzeitstudie, Motorik, Vigilanz, Depression, Lebensqualität

Long-term effects of piribedil on motor activity and vigilance – results of a non-interventional study for two years

In a prospective, multicenter, non-interventional study the long-term clinical effect and tolerability of piribedil in everyday practice were studied for two years (PIR 008/K). At the time of evaluation, the complete data were available from 320 patients documented in 59 specialized Parkinson centers. Patients were eligible for this long-term study if they received the first time piribedil in monotherapy or in combination with levodopa or were converted from another dopamine agonist (DA) due to a medical reason. The average dose of piribedil was about 170 mg per day. After the first 6 months of treatment with piribedil, the UPDRS III (as a measure of motor function) improved by 5.8 points. The motor improvement was maintained over the entire period of observation. Even after two years, the severity of motor symptoms was 2.9 points below baseline. Likewise, a positive effect on vigilance (Epworth sleepiness scale, ESS) was shown. Vigilance could be regained with piribedil in patients with pre-existing excessive daytime somnolence. Newly recruited patients developed no daytime sleepiness under piribedil. Furthermore, in patients with depressive symptoms an improvement of the mood was seen with piribedil, which was accompanied with a slight increase in quality of life. Treatment with piribedil was well tolerated. Piribedil had in this two years long-term study positive effects on motor activity, vigilance, depressive symptoms and quality of life, with good tolerability.

Key words: Parkinson’s disease, piribedil, non-interventional longitudinal study, motor activity, vigilance, depression, quality of life

Psychopharmakotherapie 2014;21:150–2.



Diskussionsforum
Jürgen Fritze, Pulheim

Der Wert des Arzneiverordnungsreports (AVR) als Quelle pharmakoepidemiologischer Daten wächst und könnte stärker wachsen, seine wissenschaftliche und politische Bedeutung eher nicht. Der AVR 2013 bezweifelt erneut die therapeutische Angemessenheit der Zunahme der Verordnungen (DDD) moderner Antidepressiva und Antipsychotika. Die Verordnung von Generika im Segment der Neuropsychopharmaka liegt hoch und damit im Trend des Gesamtmarktes. Trotz steigender Verordnungen waren die Ausgaben für Neuropsychopharmaka rückläufig infolge auslaufender Patente und gesetzlicher Zwangsrabatte. In den letzten Jahren sind die Verordnungen von Antidementiva stabil bei wachsendem Anteil der Cholinesterasehemmer und des Memantins, der aber dennoch nominal nur 34 % der Betroffenen erreicht. Acamprosat wird kaum verordnet und erreicht allenfalls 5 % der geeigneten Alkoholkranken. Die Verordnung von Methylphenidat bei ADHS zeigt einen Trend zur Sättigung, möglicherweise gebremst durch die Indikationserweiterung auf Erwachsene. Das Wachsen der Verordnung von Antiepileptika bei Indikationserweiterungen könnte mit den Krankheitsprävalenzen kompatibel sein, das Wachsen der Parkinsonmittel mit dem demographischen Wandel. Die Gründe für die erhebliche Variabilität insbesondere der Verordnung von Psychopharmaka zwischen den Bundesländern bleiben unklar.

Schlüsselwörter: Psychopharmaka, Pharmakoepidemiologie

Prescribing patterns of psychotropic drugs in Germany: Results and comments to the Drug Prescription Report 2013

The Drug Prescription Report 2013 again questions the adequacy of the considerable absolute increase of the prescription of modern antidepressants as well as the increasing share of modern antipsychotics. Generic prescription and sales of antidepressants and neuroleptics are high and correspond to average. Despite increasing precriptions (DDD) expenditures for neurotherapeutics have declined due to legally inforced discounts and some losses of patent protection. Prescriptions (DDD) of total antidementia drugs have been stable after 2 years of rise since 15 years while the share of modern antidementia drugs is increasing dramatically but covering, however, only about 34 % of those in need. Acamprosate stays underutilized where only 5 % of those potentially profiting are reached. The growth of methylphenidate is levelling-off; the concentration of prescriptions to a minority of physicians is suspect of inadequacy. The growth of antiepileptic prescriptions might fit to the prevalences in relation to extended indications. The growth of antiparkinsonian prescriptions might be due to the aging of the population where the shift to non-ergolide dopamine agonists corresponds to current hope to reduce progression. The medical rational of the heterogeneity of prescribing patterns within Germany is unclear and needs in depth clarification and explanation which appears feasible thanks to the data transparency act.

Key words: Psychotropic drugs, pharmacoepidemiology

Psychopharmakotherapie 2014;21:153–66.



* Prof. Dr. Peter Riederer (Würzburg), Prof. Dr. Gerd Laux (Haag i. OB/München), Prof. Dr. Thomas Müller (Berlin), Prof. Dr. Manfred Gerlach (Würzburg)
Stellungnahme des Vorstands der GESENT e. V.*


Arzneimittelsicherheit/AMSP
Holger Petri, Bad Wildungen*
Das Interaktionspotenzial hochpotenter Opioide

Für die Bewertung des pharmakokinetischen Interaktionspotenzials der hochpotenten Opioide ist die Affinität zum Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzym 3A4 von maßgeblicher Bedeutung. In der Interaktionstabelle (Tab. 1) wird das Verhalten der hochpotenten Opioide Buprenorphin, Fentanyl und Oxycodon zu diesem Cytochrom-P450-Isoenzym dargestellt.

Psychopharmakotherapie 2014;21:169–71.



Referiert & kommentiert
Dr. Claudia Borchard-Tuch, Zusmarshausen
Therapie bei monatlicher Depotinjektion effektiver

Seit März 2011 steht mit Paliperidonpalmitat zur monatlichen Injektion (Xeplion®) ein langwirksames atypisches Neuroleptikum zur Behandlung der Schizophrenie bereit. Über den aktuellen Stellenwert von Xeplion® wurde auf einer Presseveranstaltung von Janssen-Cilag in Neuss diskutiert.



Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Kognitive Verhaltenstherapie vermindert Symptomatik

Eine kognitive Verhaltenstherapie reduziert die psychiatrische Symptomatik bei Schizophrenie-Patienten, die keine Antipsychotika einnehmen wollen. Sicherheit und Akzeptanz der Intervention sind gut. Das ist das Ergebnis einer Pilotstudie mit 74 Teilnehmern [3].



Dr. Claudia Bruhn, Schmölln
Trialog mit Betroffenen und ihren Angehörigen

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) legt großen Wert auf den aktiven Austausch zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen, ihren Angehörigen und den Therapeuten. Daher haben sich die Trialog-Foren – gemeinsam mit Betroffenen- und Angehörigenverbänden veranstaltete Podiumsdiskussionen – zu einem festen Bestandteil der DGPPN-Jahrestagungen entwickelt.



Michael Koczorek, Bremen
Antidepressive Behandlung verbessert Fahrleistung depressiver Patienten signifikant

Schließt eine Behandlung mit Antidepressiva die Teilnahme am Straßenverkehr aus? Wie stark beeinflusst eine Therapie mit Neuroleptika die Fahrsicherheit? Antworten auf diese Fragen gaben Experten bei einem Symposium auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.



Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Agomelatin vergleichbar wirksam wie klassische Antidepressiva

Agomelatin ist ein Antidepressivum mit einem neuartigen, melatonergen Wirkungsmechanismus. In einer Metaanalyse von publizierten und nichtpublizierten klinischen Studien ergab sich eine antidepressive Effektgröße von 0,24. Die Wirksamkeit ist damit vergleichbar mit anderen Antidepressiva. Die Verträglichkeit ist vergleichsweise besser, sodass die Substanz bei Unverträglichkeiten gegenüber anderen Antidepressiva eingesetzt werden kann.