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19. Jahrgang Heft 1 Februar 2012

Editorial
Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Hans-Jürgen Möller, München
Die grundsätzliche Bedeutung der Entscheidung des Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg zur Festbetragsregelung für Escitalopram


Übersichten
Alexander Ströhle, Hannover
Pathobiochemie und klinische Konsequenzen

Aufgrund ihrer klinischen Relevanz sind Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln und Nährstoffen in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus der biomedizinischen Forschung gerückt. So gibt es zahlreiche Arzneistoffe, die über eine Veränderung der Distribution und/oder Metabolisierung die Versorgung mit Mikronährstoffen beeinträchtigen. Hiervon betroffen sind in erster Linie chronisch Kranke, bei denen eine längerfristige oder sogar lebenslange medikamentöse Therapie erforderlich ist. Eine in diesem Zusammenhang relevante, aber in der Beratungspraxis vielfach wenig beachtete Patientengruppe sind Personen, die mit Valproinsäure therapiert werden. Während negative Effekte einer chronischen Valproinsäure-Medikation auf den Vitamin-B- und -D-Status gut dokumentiert sind, ist weniger bekannt, dass hierdurch auch die Versorgung mit nichtessenziellen Mikronährstoffen beeinträchtigt sein kann. In diesem Kontext wird auch das Vitaminoid Carnitin immer wieder diskutiert. So sollen einige der unter einer Valproinsäure-Therapie zu beobachtenden unerwünschten Effekte (u. a. Hyperammonämie und Gewichtszunahme) auf ein sekundäres Carnitin-Defizit zurückzuführen sein. Ausgehend von einer kurzen Übersicht zum Carnitin-Stoffwechsel zielen die folgenden Ausführungen darauf ab, die Problematik des Valproinsäure-assoziierten Carnitin-Defizits kritisch zu beleuchten.

Schlüsselwörter: Carnitin, Valproinsäure, Hyperammonämie, Enzephalopathie, Hepatotoxizität

Valproate induced carnitine deficiency – pathobiochemistry and clinical consequences

Due to their clinical relevance drug nutrient interactions have gained increasing attention in biomedical research during recent years. Thus, there is a great number of drugs which adversely affect nutrient status by changing distribution and/or metabolism. One relevant example is valproate. The anticonvulsant interacts in several ways with the carnitine homeostasis, hence hypocarnitinemia is a common adverse effect of valproate treatment. Based on an overview of the carnitine metabolism, this article will critically examine the problem of the valproate associated carnitine deficiency.

Key words: Carnitine, valproic acid, hyperammonemia, encephalopathy, hepatotoxicity

Psychopharmakotherapie 2012;19: 3–9.



Rebecca Schennach, München, Michael Riedel, Rottweil/München, Florian Seemüller, Sandra Dehning und Hans-Jürgen Möller, München
Exemplarische Darstellung von Wirksamkeitsunterschieden bei Escitalopram im Vergleich mit anderen Antidepressiva

Für die Beurteilung der klinischen Relevanz wissenschaftlicher Ergebnisse werden verschiedene Kriterien herangezogen, die im Folgenden dargestellt werden. Die Aussagekraft dieser Kriterien wird am Beispiel von Untersuchungsergebnissen aus Escitalopram-Studien exemplarisch evaluiert. Die Vor- und Nachteile der Darstellung von Mittelwertsunterschieden in Psychopathologie-Ratingskalen, sowie dem Erfassen von Response und Remission und der Number needed to treat werden anhand von Einzelstudien und Metaanalysen diskutiert. Für den Kliniker scheinen besonders die Darstellung von Response und Remission von klinischer Relevanz zu sein, für Statistiker und Mathematiker sind Mittelwertsvergleiche hinsichtlich der klinischen Relevanz ein härteres und belastbareres Kriterium. Aus wissenschaftlicher Sicht sollten alle hier dargestellten und diskutierten Kriterien gleichwertig und gleichzeitig berücksichtigt werden, wenn die klinische Relevanz von Studienergebnissen eingestuft werden soll.

Schlüsselwörter: Klinische Relevanz, Mittelwertsunterschiede, Response, Remission, Number needed to treat

How to evaluate the clinical relevance of scientific research results – an example using escitalopram efficacy studies

Aim of this article is to provide an overview of criteria evaluating the clinical relevance of scientific research results. Statistically significant results of clinical studies are often biased by the sample size or variability of data. Therefore, it is important to validate the clinical relevance of such results. Exemplarily, using studies on escitalopram compared to other antidepressants, we will discuss different criteria (changes of mean differences of psychopathology rating scales, response, remission, number needed to treat) which can help clinicians to rank and critically discuss results of clinical studies as well as meta-analyses. Also in this context, pros and cons of single studies and meta-analyses will be discussed in order to provide tools helping clinicians to choose the best treatment available for the patient. For the treating clinician the consideration of response and remission bears greatest clinical relevance, in contrast, for statisticians the changes in mean differences offer greatest relevance and validity. From a scientific point of view, all of the here discussed criteria should be concurrently considered in order to reliably conclude on the clinical relevance of research results.

Key words: Clinical significance, mean difference, response, remission, number needed to treat

Psychopharmakotherapie 2012;19:10–7.



Originalarbeiten
Thomas Messer, Pfaffenhofen, Jörg Schnitker, Bielefeld, und Michael Friede, Hamburg

Agomelatin ist ein Antidepressivum mit einem neuartigen Wirkungsmechanismus, von dem eine bessere Verträglichkeit erwartet wird als von den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), die zurzeit die erste Wahl bei der Behandlung einer Major Depression sind. Da es nur wenige Head-to-Head-Studien von Agomelatin versus SSRI gibt und keinen direkten Vergleich zwischen Agomelatin und Escitalopram, wurde die vorliegende Metaanalyse als indirekter Vergleich durchgeführt, mit Plazebo als gemeinsamem Komparator. Eine Literaturrecherche in medizinischen Datenbanken des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) und ein EMA-Report identifizierten elf Studien, die folgende Einschlusskriterien erfüllten: randomisierte, Plazebo-kontrollierte Doppelblindstudien zur Akuttherapie einer Major Depression, Studiendauer maximal acht Wochen, Therapie mit Escitalopram 10 mg/Tag beziehungsweise 20 mg/Tag oder mit Agomelatin 25 mg/Tag beziehungsweise 50 mg/Tag, Alter der Patienten zwischen 18 und 65 Jahren, Quantifizierung der Depression durch Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) oder Hamilton Rating Scale for Depression (HAM-D). Primärer Endpunkt war die Differenz zwischen Post-Werten und Prä-Werten der jeweils verwendeten psychometrischen Skala. Die Verträglichkeit wurde anhand der Anzahl von Therapieabbrüchen wegen unerwünschter Ereignisse abgeschätzt. Die vorliegende indirekte Metaanalyse zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Escitalopram und Agomelatin zeigt, dass die Wirksamkeit von Escitalopram gegenüber Plazebo signifikant höher ist als die von Agomelatin gegenüber Plazebo. Bei der Verträglichkeit fanden sich keine signifikanten Unterschiede.

Schlüsselwörter: Agomelatin, Escitalopram, Major Depression, Metaanalyse

Meta-analysis of placebo-controlled clinical trials with escitalopram and agomelatine

Agomelatine is an antidepressant with a novel mechanism of action, which is expected to have fewer side effects than the selective serotonin re-uptake inhibitors (SSRIs), which are at present the first-line treatment for major depression. So far there are few head-to-head studies comparing efficacy and safety of agomelatine and SSRIs and none comparing agomelatine and escitalopram. Therefore this meta-analysis provides an indirect comparison between the two drugs, with placebo as the common comparator. A literature search in medical databases of the Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) and an EMA report identified 11 studies conforming to the following inclusion criteria: randomised, placebo-controlled, double-blind studies of the acute therapy of major depression, maximum study duration 8 weeks, therapy with escitalopram 10 mg/day or 20 mg/day or with agomelatine 25 mg/day or 50 mg/day, age of patients between 18 and 65 years, severity of depression measured with Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) or Hamilton Rating Scale for Depression (HAM-D). Primary outcome in this meta-analysis was the difference between post- and pre-treatment ratings on the psychometric rating scale used. To judge tolerability the numbers of therapy discontinuations due to adverse events were compared. Overall the indirect meta-analysis showed that the effect of escitalopram compared to placebo was significantly higher than the effect of agomelatine compared to placebo. There were no significant differences in the tolerability.

Key words: Escitalopram, agomelatine, major depression, meta-analysis

Psychopharmakotherapie 2012;19: 18–24.



Arzneimitteltherapiesicherheit
Katharina Wenzel-Seifert und Ekkehard Haen, Regensburg*


Referiert & kommentiert
Prof. Dr. H.-C. Diener, Essen
Gabapentin plus Valaciclovir bei Patienten mit akutem Herpes zoster

In einer offenen Studie war die Kombination von Valaciclovir und Gabapentin wirksam zur Prävention der postzosterischen Neuralgie.



Dr. Beate Fessler, München
Mit Duloxetin Psyche und Schmerzen behandeln

Depressive Stimmung, Antriebslosigkeit sowie der Verlust von Interessen und Freude gehören zu den Kernsymptomen einer Depression. Viele depressive Patienten leiden neben den psychischen Symptomen aber auch unter somatischen Beschwerden. Für die Therapie von depressiven Patienten mit körperlich schmerzhaften Beschwerden eignet sich Duloxetin, das aufgrund seines dualen Wirkungsmechanismus das gesamte Krankheitsbild positiv beeinflusst, so das Fazit eines Pressegesprächs der Lilly Deutschland GmbH.



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
Interpersonelle Psychotherapie erhöht die Rate anhaltender Remission

In einer kontrollierten randomisierten Studie wurde die Wirksamkeit einer Kombination aus Pharmakotherapie und interpersoneller Psychotherapie (IPT) mit einer Pharmakotherapie plus üblicher klinischer Betreuung (clinical management, CM) bei stationären Patienten mit einer Major Depression verglichen. Primärer Wirksamkeitsparameter war der mittlere Score auf der Hamilton-Depressionsskala, 17-Item-Version (HAMD17). Am Ende der fünfwöchigen Behandlung sowie drei und zwölf Monate danach war der mittlere HAMD17-Score bei Patienten mit interpersoneller Psychotherapie signifikant stärker reduziert als bei Patienten ohne Psychotherapie. Nach fünf Jahren war der Unterschied im HAMD17-Score nicht mehr signifikant, jedoch waren nach dieser Zeit noch signifikant mehr IPT- als CM-Patienten stabil. Ein Vergleich der HAMD17-Scores der Patienten mit und ohne frühes Trauma zeigte, dass nur Patienten mit einem Trauma von der interpersonellen Psychotherapie profitierten. Bei Patienten ohne Trauma unterschieden sich die HAMD17-Scores der IPT- und der CM-Gruppe nicht signifikant.

Mit einem Autorenkommentar von Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach



Bettina Christine Martini, Legau
Kein erhöhtes Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse durch ADHS-Medikamente

Unter Arzneimitteln, die zur Behandlung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt werden, ist das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod nicht erhöht. Dies ergab eine Analyse der Daten von mehr als 440 000 Erwachsenen.



Dr. Ulrike Röper, Fürstenfeldbruck
Gutes Ansprechen auf IVIg gibt wichtigen diagnostischen Hinweis

Die multifokale motorische Neuropathie kann aufgrund ihrer vielgestaltigen Symptomatik schwierig zu diagnostizieren sein. Sie spricht in den meisten Fällen auf intravenöse Immunglobuline (IVIg) an, was zugleich die Diagnose unterstützt. Krankheitsbild und Therapie wurden bei einem Symposium der Firma Baxter im Rahmen des DGN-Kongresses 2011 diskutiert [1].



Abdol A. Ameri, Weidenstetten
Mit adäquater Therapie Kosten sparen

Die Ergebnisse einer Versorgungsanalyse zeigen, dass der Einsatz von Memantin in der Behandlung von Patienten mit moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz unter ökonomischen Gesichtspunkten von Vorteil gegenüber einer unspezifischen Therapie mit Psychopharmaka, Hypnotika oder Sedativa ist. Vor allem bei den Kosten für Klinikaufenthalte und für die Pflege führte der Einsatz von Memantin zu deutlichen Einsparungen. Die Untersuchung wurde bei einem Pressegespräch von Lundbeck im Rahmen des Kongresses der Deutschen Neurologischen Gesellschaft (DGN) in Wiesbaden [1] vorgestellt.



Dipl.-Biol. Anne Bleick, Stuttgart
Ruhigere Nacht und beweglich am Morgen mit transdermalem Rotigotin

Mit einem transdermalen Rotigotin-Pflaster lassen sich nicht nur die motorischen Symptome, sondern auch nichtmotorische Begleitsymptome der Parkinson-Krankheit wirksam behandeln. Die Ergebnisse der RECOVER-Studie wurden bei einem Satellitensymposium von UCB im Rahmen des vergangenen Neurologenkongresses in Wiesbaden vorgestellt [1].



Dipl.-Biol. Anne Bleick, Stuttgart
Wearing-off rechtzeitig erkennen und die Therapiestrategie anpassen

Während einer Wearing-off-Phase treten nicht nur motorische Parkinson-Symptome wieder auf, sondern auch nichtmotorische Störungen wie Stimmungsschwankungen, Angstgefühle, Schmerzen und ein verlangsamtes Denken. Sowohl motorische als auch nichtmotorische Symptome lassen sich durch eine Kombination von Levodopa mit Carbidopa und Entacapon gut therapieren. Wie Patienten mit Wearing-off erkannt und behandelt werden können, wurde bei einem Satellitensymposium der Orion Pharma im Rahmen des 84. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ausgeführt.