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18. Jahrgang Heft 1 Februar 2011

Editorial
Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, München


Übersichten
Klaus Wiedemann, Hamburg

In der Akutbehandlung der Schizophrenie und der bipolaren Störung fließt das Wirkprofil einer Substanz ganz besonders in die Entscheidung über eine Therapie mit ein. Bei Antipsychotika ohne primär sedierende Wirkung ist die notwendige Beruhigung und Verminderung der Anspannung ein besonderer Aspekt. Die Reduktion der psychotischen Anspannung und Aggressivität ist von gewünschten sedativen Effekten zu differenzieren. In verschiedenen Studien zeigte sich unter Aripiprazol eine Verbesserung der Agitation. Andererseits wurde aber auch eine Verschlechterung der psychotischen Symptomatik und eine Zunahme der Agitation beobachtet, insbesondere bei Umstellung von sedierenden Präparaten auf Aripiprazol. Im Folgenden werden pharmakologische Mechanismen sowie klinische Studien zum Einsatz dieser Substanz in der Akuttherapie der Schizophrenie und manischer Phasen einer Bipolar-I-Störung diskutiert.

Schlüsselwörter: Aripiprazol, Akuttherapie, Agitation

Therapy of acute schizophrenia and acute bipolar mania with aripiprazole

The decision about options in acute treatment of schizophrenia and bipolar mania comprises the pharmakologic profile. Especially the reduction of inner tension and agitation is important. Regarding aripiprazole the reduction of tension and hostility should be differentiated from sedative effects. In studies applying parenteral aripiprazole an improvement of agitation could be observed in contrast to studies with oral medication where sometimes a worsening of psychotic symptoms and increased agitation was registered. This was the case especially after switching from sedative compounds to aripiprazole. This short review addresses the acute treatment with aripiprazole and discusses the pharmacological mechanisms.

Key words: Aripiprazole, acute therapy, agitation

Psychopharmakotherapie 2011;18:2–9.



Walter Hewer, Rottweil, und Gabriel Eckermann, Kaufbeuren

Angesichts des regelhaften Zusammentreffens körperlicher Erkrankungen mit psychischen Störungen bei geriatrischen Patienten ergeben sich häufig Fragen, die die Kombination sowohl psychotroper Substanzen untereinander als auch eine Kombination dieser Substanzen mit Nicht-Psychopharmaka betreffen. Vor diesem Hintergrund werden in dieser Übersicht bedenkliche Arzneimittelkombinationen besprochen, die hinsichtlich Häufigkeit oder Schwere der assoziierten Risiken für die Psychopharmakotherapie in Klinik und Praxis relevant sind. Bedenkliche Kombinationseffekte resultieren einerseits aus einem Zusammentreffen unerwünschter Arzneimittelwirkungen, die bereits bei Monotherapie auftreten können, andererseits aus unerwünschten Arzneimittelinteraktionen. Es werden ausgewählte Probleme besprochen, die sich bei der Kombination von Psychopharmaka untereinander sowie bei Kombination von Psychopharmaka mit häufig in der Allgemeinmedizin angewandten Arzneimitteln ergeben können, beispielsweise bei Kombination mit Antibiotika, Antidiabetika, antineoplastisch wirksamen Substanzen und Arzneimitteln, die für die Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen eingesetzt werden. Abschließend wird auf prinzipielle Fragen, die sich in Verbindung mit Kombinationstherapien ergeben können, aus der Perspektive der praktischen Medizin eingegangen.

Schlüsselwörter: Gerontopsychiatrie, Polypharmazie, Altersdepression, Demenz, Delir

Potentially hazardous drug combinations in elderly patients

With regard to a high prevalence of comorbidity of mental illnesses as well as a regular cooccurrence of (often multiple) general medical conditions and mental disorder in the elderly, questions relating to combination of different psychotropic drugs and combinations with non-psychotropic drugs, respectively, arise in everyday practice very frequently. The article focuses on clinical relevant potentially hazardous drug combinations. These may result either from an addition of untoward effects of two or more psychotropic agents (e. g. deterioration of gait or cognition), from a synergism of adverse effects of psychotropic and non psychotropic drugs, or pharmacokinetic drug interactions. In this context we discuss selected problems which may arise from combination of psychotropic agents with drugs used commonly in general medicine (e. g. antibiotics, antidiabetics, cardiovascular drugs, anti-neoplastic agents). In conclusion, combining medications is a challenging task for the physician treating geriatric patients. On the basis of a well-founded expertise in pharmacotherapy synergistic actions can be exploited while the risk of adverse effects can be minimized.

Keywords: Geriatric psychiatry, polypharmacy, affective disorder, dementia, delirium

Psychopharmakotherapie 2011;18:10–7.



Originalarbeit
Gerd Laux, Wasserburg a. Inn/München, und die VIVALDI-Studiengruppe*
Ergebnisse der VIVALDI-Studie

Agomelatin (Valdoxan®) ist ein melatonerger MT1- und MT2-Rezeptoragonist und zugleich ein selektiver Antagonist des serotonergen 5-HT2C-Rezeptors. In tierexperimentellen Modellen und beim Menschen konnte gezeigt werden, dass die Substanz die bei Depressionen typischerweise gestörten zirkadianen Rhythmen resynchronisiert. Kontrollierte klinische Studien haben gezeigt, dass Agomelatin sowohl die Symptome der Depression als auch den gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus verbessert. In der nichtinterventionellen Studie VIVALDI (Valdoxan improves depressive symptoms and normalizes circadian rhythms) wurden die Wirksamkeit von Agomelatin hinsichtlich depressiver Symptomatik und gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus sowie seine Verträglichkeit bei depressiven Patienten in der psychiatrischen Praxis untersucht. In 665 Facharztpraxen wurden 3 317 Patienten über 12 Wochen mit Agomelatin behandelt. Die antidepressive Wirksamkeit wurde anhand einer modifizierten Version der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (svMADRS) und der Clinical-Global-Impression(CGI)-Skala evaluiert, Veränderungen von Schlaf und Tagesaktivität mit einem Patientenfragebogen (modifizierter CircScreen) erfasst. Im Verlauf der Studie verbesserte sich der Schweregrad der Depression von einem svMADRS-Mittelwert von 30,6 bei Studienbeginn auf 12,8 nach 12 Wochen. 54,8 % der Patienten erreichten nach drei Monaten eine Remission (svMADRS ≤ 12). Der Anteil der Patienten mit Schlafstörungen ging deutlich zurück. Bei 78,2 % der Patienten kam es zu einer Verbesserung der initial häufig berichteten Tagesmüdigkeit. Die meisten Ärzte (93,2 %) bewerteten die Verträglichkeit von Agomelatin als sehr gut oder gut. Unerwünschte Wirkungen traten bei 10,0 % der Patienten auf. Diese nichtinterventionelle Studie bestätigt die in randomisierten klinischen Studien belegte Verbesserung der depressiven Symptomatik und des Schlaf-Wach-Rhythmus bei gleichzeitig guter Verträglichkeit von Agomelatin in einer Patienten-Population psychiatrischer Praxen und psychiatrischer Instituts-Ambulanzen.

Schlüsselwörter: Agomelatin, Depression, zirkadiane Rhythmik, Schlafstörungen, nichtinterventionelle Studie

Treatment of depression with agomelatine in psychiatric practice: Results of the VIVALDI study

Agomelatine (Valdoxan®) is a melatonergic MT1- und MT2-receptor agonist and selective serotonergic 5-HT2C-antagonist. In experimental models of depression as well as in humans it has been shown that the substance resynchronizes disturbed circadian rhythms. Controlled clinical trials have demonstrated that agomelatine improves both the symptoms of major depression and the sleep-wake-disturbances.

In the observational study VIVALDI (Valdoxan improves depressive symptoms and normalizes circadian rhythms) the efficacy of agomelatine on depressive symptoms and sleep-wake rhythm and its tolerability were examined in depressed outpatients of German psychiatrists. A total of 3,317 patients were treated with agomelatine and observed for 12 weeks. Antidepressant efficacy was evaluated with the svMADRS (short version MADRS) and the Global Clinical Impression (CGI) scale. The effect on sleep and daytime functioning was assessed by a patient questionnaire (modified CircScreen).

During the course of the study the patients showed a clear improvement of the svMADRS total score from initially 30.6 to 12.8 after 12 weeks. After 12 weeks, 54.8 % of the patients achieved remission (svMADRS ≤ 12). Sleep quality and daytime functioning improved as well. Daytime sleepiness improved in 78.2 % of patients at week 12. Most of the physicians (93.2 %) evaluated the tolerability of agomelatine as very good or good. Adverse reactions were reported by 10.0 % of patients.

In conclusion, this study in the naturalistic setting confirms the improvements of depressive symptoms and sleep-wake cycle by agomelatine previously shown in randomised clinical trials in a typical patient’s population in psychiatric practice and out-patients psychiatric departments.

Key words: Agomelatine, depression, circadian rhythms, sleep disorders, non-interventional study

Psychopharmakotherapie 2011;18: 18–26.



Gesundheitsökonomie
Jürgen Zerth, Bayreuth/Fürth, Bülent L. Akmaz und Andreas Domdey, Hamburg

Zielsetzung: Das Ziel dieser systematischen Literaturübersicht ist es, anhand von validierten Krankheitskostenstudien die Höhe der Arzneimittelkosten (in Euro, in Prozent) innerhalb der Gesamtbehandlungskosten der Depression in Deutschland zu identifizieren. Methodik: Es wurde eine systematische Literaturrecherche in vierzehn DIMDI-Datenbanken für den Zeitraum 2000 bis einschließlich 2008 durchgeführt. Einschlusskriterien waren unter anderem der Versorgungsbezug, die Validität der erhobenen Daten und die Eignung der erhobenen Daten für gesundheitsökonomische Analysen. Aus den eingeschlossenen Publikationen wurden die gesundheitsökonomischen Hauptaussagen gemäß Zielsetzung abgeleitet. Ergebnisse: Insgesamt konnten 47 quantitative und qualitative Studien identifiziert, jedoch nur vier Krankheitskostenstudien für eine gesundheitsökonomische Analyse berücksichtigt werden. Innerhalb dieser Studien schwanken aus der Perspektive der GKV die durchschnittlichen Gesamtbehandlungskosten in der Versorgung zwischen 1 264 Euro und 2 577 Euro pro Jahr. Die Arzneimittelkosten pro depressivem Patient und Jahr haben daran einen Anteil von 9 % bis 24 %. Der höchste Kostenanteil bei Depressionserkrankungen entfällt aus der Perspektive der GKV in drei der vier Studien auf den Krankenhaussektor. Schlussfolgerung: Um die Ergebnisse dieser systematischen Literaturübersicht zu validieren, ist es notwendig, die Kosten- und Leistungsdaten von depressiven Patienten im Rahmen von Längsschnittuntersuchungen empirisch zu analysieren. Weitere Forschungsarbeit zur Optimierung der Patientenflüsse, zur Abstimmung zwischen ambulantem und stationärem Sektor sowie eine Abkehr von einer sektoralen Kostenbetrachtung sind zwingend erforderlich.

Schlüsselwörter: Krankheitskosten, Depression, Deutschland

Depression care and relevant cost drivers – a discussion from the German health insurers‘ point of view

Aim: The costs of depression have become a main cost factor for statutory health insurance. In order to identify the main cost drivers form a health insurer’s point of view, we want to evaluate different studies that deal with the overall costs for depression.

Methods: A systematic search of cost-of illness studies for depression in medical and economic databases was conducted (bottom-up-approach). We observed data from 2000 to 2008. In order to identify the most relevant cost drivers, we compared studies reporting inpatient, outpatient and pharmaceutical direct costs.

Results: We observed 47 studies. Many of the reviewed papers had to be excluded because they do not match the basic research criteria of a simple meta-analysis. Referring to the included papers, we differentiated between the role of the main cost drivers. Only 4 studies could be considered. Referring to these studies, total direct health care costs deviate between 1,264 € and 2,577 € per year. Pharmaceutical costs per patient are in a range between 9 % to 24 % of total direct health care costs. Although the comparison of the direct costs varied widely figures show that inpatient care of depression is much more costly than outpatient care.

Conclusion: Costs for depression are fairly driven by inpatient costs. Hence, it is necessary to elaborate the costs in the line of a patient career through longitudinal data analysis. Further research in the optimization of the patient career as well as on an appropriate governance structure between inpatient and outpatient care is necessary.

Key words: Cost-of-illness, depression, Germany

Psychopharmakotherapie 2011;18:27–33.



Jürgen Fritze, Pulheim


Diskussionsforum
Levente Kriston, Alessa von Wolff, Hamburg, und Lars P. Hölzel, Freiburg
Gibt es Unterschiede in der Wirksamkeit neuer Antidepressiva?

In zwei hochrangig publizierten Metaanalysen wurde die Frage untersucht, ob Unterschiede in der Wirksamkeit und Verträglichkeit neuer Antidepressiva existieren. Trotz einer vergleichbaren Vorgehensweise kamen die beiden Arbeiten zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, Depression, Metaanalyse, systematische Übersichtsarbeit, evidenzbasierte Medizin

Contradictory high-level evidence for new-generation antidepressants

Two recently published high quality meta-analyses on efficacy and acceptability of new-generation antidepressants reported contradictory conclusions. One study claimed that substantial differences in efficacy between agents exist, while the other study found no such difference. Examination of the two studies showed that in addition to methodological issues this inconsistency can mainly be traced back to heterogeneous interpretations of similar results. This highlights the relevance of interpretation perspectives in the context of evidence based medicine.

Key words: Antidepressants, depression, meta-analysis, systematic review, evidence-based medicine

Psychopharmakotherapie 2011;18:35–7.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Martin Heinze, Dominik Dabbert und Svenja Happe, Bremen

Wir berichten von einem Fall einer sensiblen demyelinisierenden Polyneuropathie, den wir als Arzneimittelnebenwirkung von Olanzapin bewerten können. Unseres Wissens ist diese unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) in der Literatur noch nicht beschrieben. Als klinische Konsequenz wird empfohlen, Patienten bei Anwendung von Olanzapin auf Störungen ihrer Sensibilität hin zu befragen.

Schlüsselwörter: Polyneuropathie, Parästhesien, Olanzapin, Valproinsäure

Paraesthesia and sensory polyneuropathy in a patient treated with olanzapine and valproc acid

We report a case of a sensory demyelinizing polyneuropathy which we suppose to be an adverse side effect of olanzapine treatment. According to our knowledege this is the first case of its kind reported in literature. As a clinical consequence we suggest to query for disturbances of sensory functions in patients treated with olanzapine.

Key words: Polyneuropathy, paraesthesia, olanzapine, valproic acid

Psychopharmakotherapie 2011;18:38–9.



Referiert & kommentiert
Abdol A. Ameri, Weidenstetten
Add-on-Therapie mit atypischem Antipsychotikum

Quetiapin wurde in einer retardierten Darreichungsform als erstes atypisches Antipsychotikum für die Zusatztherapie von depressiven Erkrankungen (Episoden einer Major Depression) bei Patienten, die zuvor unzureichend auf ein Antidepressivum in Monotherapie angesprochen haben, zugelassen. Eine Zusatztherapie mit Quetiapin führte bei diesen Patienten zu einer stärkeren Reduktion der depressiven Symptomatik und zu höheren Remissionraten als die alleinige Therapie mit einem Antidepressivum, so das Fazit einer von der Firma AstraZeneca veranstalteten Pressekonferenz im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin [1].



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Trizyklische Antidepressiva bei chronischem Spannungskopfschmerz und Migräne

Trizyklische Antidepressiva sind sowohl in der Prophylaxe von Spannungskopfschmerzen als auch in der Prophylaxe der Migräne wirksam. Der therapeutische Effekt nimmt mit der Behandlungsdauer zu. Dies ergab eine systematische Übersicht und Metaanalyse.



Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
Antipsychotische Therapie und Risiko venöser Thromboembolien

Es gibt eine eindeutige Assoziation zwischen der Einnahme von Antipsychotika und dem Risiko tiefer Beinvenenthrombosen und Lungenembolien. Das Risiko ist besonders erhöht bei Patienten, die diese Medikamente zum ersten Mal einnehmen und bei Patienten die atypische Neuroleptika erhalten.



Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Suizidrisiko unter Antiepileptika abhängig von der Erkrankung

In einer retrospektiven Kohortenstudie, in der die Daten von mehr als fünf Millionen Patienten aus Allgemeinarztpraxen in Großbritannien ausgewertet wurden, wurde bei Epilepsie-Patienten kein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antiepileptika und suizidalen Handlungen gefunden. Bei depressiven Patienten sowie bei Personen, die nicht an Epilepsie, Depression oder bipolaren Störungen litten, war jedoch das Risiko für suizidale Ereignisse unter Therapie mit Antiepileptika erhöht.



Nebenwirkungen von Antidepressiva

Das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) hält es für erforderlich, die Produktinformation einer Reihe von Antidepressiva in Bezug auf das Risiko von Knochenbrüchen und auf bestimmte Risiken für Neugeborene zu ergänzen. Es folgt damit einer Bewertung durch die Pharmakovigilanz-Arbeitsgruppe des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) vom März 2010.



Dr. Beate Fessler, München
Anhaltende Reduktion der Anfallsfrequenz mit Eslicarbazepinacetat

Seit mehr als einem Jahr ist das Antiepileptikum Eslicarbazepinacetat auf dem Markt. Auf der Neurowoche 2010 wurden nun Erfahrungen aus der offenen Langzeitbehandlung präsentiert. Sie dokumentieren eine anhaltende Wirksamkeit in der längerfristigen Zusatztherapie fokaler epileptischer Anfälle bei Erwachsenen. Auch die Depression, eine häufig Komorbidität der Epilepsie, wird günstig beeinflusst.