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15. Jahrgang Heft 6 Dezember 2008

Editorial
Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Möller, München


Leitlinie
Michael Bauer, Dresden, Tom Bschor, Berlin, Andrea Pfennig, Dresden, Peter C. Whybrow, Los Angeles, Jules Angst, Zürich, Marcio Versiani, Rio de Janeiro, Hans-Jürgen Möller, München, und WFSBP Task Force on Unipolar Depressive Disorders*
Leitlinien der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP)

Diese Praxisleitlinien für die biologische Behandlung unipolarer depressiver Störungen in der allgemeinärztlichen Versorgung wurden von einer internationalen Task Force der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) entwickelt. Sie stellen die Ergebnisse einer systematischen Übersicht aller verfügbaren klinischen und wissenschaftlichen Evidenz dar, die sich auf die Behandlung unipolarer depressiver Störungen bezieht. Sie bieten praxisnahe Empfehlungen für Ärzte, welche Patienten mit unipolaren depressiven Störungen sehen und behandeln. Die Leitlinien umfassen Definition, Klassifikation, Epidemiologie und Verlauf unipolarer depressiver Störungen sowie Prinzipien des Managements in der Akut-, Erhaltungs- und Langzeittherapie-Phase. Primär beschäftigen sie sich mit der biologischen Behandlung (einschließlich Antidepressiva, anderer psychopharmakologischer und Hormonbehandlungen, Elektrokrampf- und Lichttherapie).

Schlüsselwörter: Unipolare depressive Störungen, Major Depression, Akutbehandlung, Erhaltungstherapie, evidenzbasierte Leitlinien, biologische Therapie, Pharmakotherapie, Antidepressiva

Psychopharmakotherapie 2008;15:239–64.



Originalarbeit
Gerd Laux, Sissi Artmann, Wasserburg a. Inn, Wilfried Günther, Wolfgang Trapp, Bamberg, Max Schmauß, Augsburg, Reinhard Steinberg, Klingenmünster, Ulrich Frommberger, Offenburg, Thomas Messer, Augsburg, Norbert Müller, München, He
Ergebnisse einer Befragung der Bundesdirektorenkonferenz Teil III: Antidepressiva

Pharmakoepidemiologische Daten zum Verordnungsverhalten bezüglich Psychopharmaka liegen für die psychiatrischen Kliniken Deutschlands bislang nicht vor. Um das tägliche, in Kliniken praktizierte Verordnungsverhalten abzubilden, wurde von der Arbeitsgruppe biologische Psychiatrie der Bundesdirektorenkonferenz ein umfangreicher Fragebogen entwickelt. Die Angaben von 279 Ärzten zur differenzierten Verordnung von Antidepressiva machen insgesamt die Präferenz neuerer Substanzen deutlich und zeigen, dass überwiegend leitlinienkonform behandelt wird. Empfohlene Kontrolluntersuchungen (Labor, EKG, EEG) werden offenbar eingehalten oder sind zumindest bekannt. Hervorzuheben ist die hohe Konformität der Angaben mit marketingstrategischen Positionierungen verschiedener Präparate. Neben einem Teilnahme-Bias muss methodologisch beachtet werden, dass die Angaben einer Befragung die tatsächliche Verordnungsrealität nicht unbedingt präzise abbilden.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, Verordnungspraxis, Pharmakoepidemiologie

Prescribing habits with regard to psychotropic drugs in German psychiatric hospitals – Part III: Antidepressants

Data regarding prescription habits and reasons for drug selection in German psychiatric hospitals are missing so far. Results of a survey concerning medication concepts of n = 279 physicians regarding antidepressants are presented. In general, newer antidepressants like mirtazapine, citalopram and venlafaxine are preferred, the dosages are in accordance with recommendations. Regarding severe depressions, dual acting antidepressants and amitriptyline are preferred, same to so-called therapy-resistant depressions. Therapeutic drug monitoring and lithium augmentation are noticed additionally, MAO inhibitors to a minor extent. The answers regarding length and treatment options are in line with published guidelines, as well as control investigations recommended. The concordance with marketing strategies seems to be obvious, selection bias and unknown real prescription lines are further limitations.

Keywords: Antidepressants, prescription habits, pharmacoepidemiology

Psychopharmakotherapie 2008;15:265–71.



Diskussionsforum
Jochen Gehrmann, Ludwigshafen

Atomoxetin ist als selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer für die Behandlung von ADHS/ADS ab dem sechsten Lebensjahr zugelassen. Das Asperger-Syndrom gehört zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Komorbide Aufmerksamkeitsstörungen sind nach klinischer Erfahrung nicht selten. Hier berichten wir über klinische Anwendungserfahrungen bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einem sogenannten high-functioning Asperger-Syndrom sowie einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) (d. h. dem sogenannten unaufmerksamen Subtyp). Atomoxetin (Strattera®), langsam einschleichend mit einer Zieldosis von 1,2 bis 1,4 mg/kg Körpergewicht aufdosiert, war gut verträglich und zeigte einen langsam einsetzenden, dann aber im Verlauf stabilen Effekt auf die ADS-Kernsymptomatik und verbesserte die psychosoziale Integration. Diese ersten positiven klinischen Erfahrungen müssen aber durch eine prospektive und Plazebo-kontrollierte Behandlungsstudie überprüft werden.

Schlüsselwörter: Atomoxetin, Asperger-Syndrom, Autismus, Methylphenidat, ADHS

Observational study with atomoxetine for the treatment of children and adolescents with Asperger’s syndrome and ADS

Atomoxetine is approved for use as a selective noradrenaline reuptake inhibitor for the treatment of ADHS/ADS in children aged six years and older. Asperger’s syndrome is a pervasive developmental disorder. As clinical experience has shown, comorbid attention deficit disorder is not uncommon. Here we report on experience with clinical application in the treatment of children and adolescents with high functioning Asperger’s syndrome as well as attention deficit syndrome (ADS) (i. e. the so called inattentive subtype of ADHD). Atomoxetine gradually introduced, titrating to a target dose of between 1.2 and 1.4 mg/kg body weight was found to be well tolerated, with a gradual, but stable long-term effect on the main symptoms of ADS as well as improving psychosocial integration. However, these initial positive clinical trials need to be verified by a prospective, placebo-controlled treatment study.

Keywords: Atomoxetine, Asperger’s syndrome, autism, methylphenidate, ADHD

Psychopharmakotherapie 2008;15:272–6.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Detlef Degner, Göttingen, Renate Grohmann, München, Anja Schneider, Berend Malchow, Göttingen, und Eckart Rüther, Göttingen/München

Ein 37-jähriger Patient mit einer paranoiden Schizophrenie wurde während eines stationären Aufenthalts zunächst mit Haloperidol behandelt, danach zusätzlich wegen weiter bestehender Halluzinationen auf Clozapin neu eingestellt. Kardiale Vorerkrankungen bestanden nicht. Im Verlauf kam es 23 Tage nach Beginn der Clozapin-Behandlung unter einer Tagesdosis von 225 mg akut zu Fieber, einem schweren allgemeinen Krankheitsgefühl mit Übelkeit sowie einem Anstieg von spezifischen Laborparametern. Im EKG zeigte sich eine Sinustachykardie mit inkomplettem Linksschenkelblock. Der Patient musste vorübergehend auf eine internistische Intensivstation verlegt werden. Echokardiographisch fand sich eine linksventrikuläre Funktionsstörung. Nach sofortigem Absetzen von Clozapin besserte sich die klinische Symptomatik und normalisierten sich die Laborwerte und das EKG innerhalb von zehn Tagen. Insgesamt kann von einem Verdacht einer Clozapin-assoziierten Myokarditis ausgegangen werden. Auf eine Myokard-Biopsie wurde verzichtet. Die Falldarstellung zeigt das im klinischen Alltag möglicherweise unterschätzte Risiko einer Myokarditis unter einer Clozapin-Medikation. Neben einer Darstellung der Ätiopathogenese dieser komplexen Arzneimittelwirkung soll auf die initial häufig unspezifischen klinischen Zeichen sowie auf das potenziell lebensbedrohliche Risiko einer Myokarditis mit den notwendigen raschen Behandlungsschritten hingewiesen werden.

Schlüsselwörter: Clozapin, UAW, Myokarditis, AMSP, allergische Arzneimittelreaktion

Psychopharmakotherapie 2008;15:277–81.



Referiert & kommentiert
Prof. Dr. Gerd Laux als federführender Herausgeber, Dr. Heike Oberpichler-Schwenk für die PPT-Redaktion

Zum Beitrag „Stellenwert von Antidepressiva in der Depressionsbehandlung – Antidepressiva in der Diskussion“ (Psychopharmakotherapie 2008;15(4):160–1):



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
Unterschiedliche Verschreibungsmuster in Europa

Die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind die am häufigsten verordneten Antidepressiva in Europa. In einer europaweiten Beobachtungsstudie gab es jedoch beträchtliche Unterschiede in der Verschreibung verschiedener Antidepressiva-Gruppen. In Deutschland erhielten nur 31,7 % der Patienten einen SSRI, in Frankreich dagegen 81,5 %. In Deutschland wurden erheblich häufiger trizyklische Antidepressiva (TZA) verordnet (26,5 % der Patienten) als in anderen europäischen Ländern (zwischen 1,5 % in den Niederlanden und 8,6 % in Österreich). Am zweithäufigsten wurden insgesamt die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) eingesetzt.



Dr. Susanne Heinzl
Was beeinträchtigt psychisch Kranke?


Rosemarie Ziegler, Albershausen
Johanniskrautextrakt bei ADHS wirksam?

In einer kleinen kontrollierten Studie bei Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung war Plazebo wirksamer als ein Johanniskrautextrakt. Dieses Ergebnis ermittelten Mediziner der auf Naturheilkunde spezialisierten Bastyr-Universität in Kenmore, Washington.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
SNRI zur Behandlung der generalisierten Angststörung

Die generalisierte Angststörung kann Lebenqualität und Arbeitsfähigkeit erheblich belasten. Seit Juli 2008 steht mit Duloxetin (Cymbalta®) eine neue Therapiemöglichkeit zur Verfügung.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Galantamin bei schwerer Alzheimer-Demenz

Bei Patienten mit schwerer Alzheimer-Demenz verhinderte die sechsmonatige Behandlung mit Galantamin (Reminyl®) den kognitiven Abbau. Der Funktionsverlust in Bezug auf Alltagsaktivitäten wurde nicht beeinflusst. Diese Ergebnisse einer randomisierten Doppelblindstudie bestätigen aber, dass auch bei fortgeschrittener Demenz die Hirnfunktion noch moduliert werden kann.



Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Donepezil bei CADASIL unwirksam

Die zerebrale autosomale dominante Arteriopathie mit subkortikalen Infarkten und Leukenzephalopathie (CADASIL) ist eine Modellkrankheit für die vaskuläre Mikroangiopathie. Leitsymptom ist die vaskuläre Demenz. In einer großen randomisierten, Plazebo-kontrollierten Studie waren 10 mg/d Donepezil nicht besser wirksam als Plazebo.



Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen
Wenig Unterschiede zwischen Risperidon und niedrig dosiertem Haloperidol nach erster Episode

Bei Patienten nach der ersten schizophrenen Episode ergab die doppelblinde Behandlung mit Risperidon oder Haloperidol in Dosen zwischen 2 und 4 mg/d keine Unterschiede in der Rate der Verschlechterung und der Zeit bis zur Verschlechterung, in der Symptombesserung oder Verbesserung der Lebensqualität. Extrapyramidal-motorische Symptome (EPMS) traten unter Haloperidol geringfügig, aber nicht signifikant häufiger auf als unter Risperidon.