Suche / Archiv


Erweiterte Suche

14. Jahrgang Heft 4 August 2007

Editorial
Prof. Dr. Walter E. Müller, Frankfurt/M.


Übersichten
Borwin Bandelow, Göttingen, Reinhard J. Boerner, Quakenbrück, Siegfried Kasper, Wien, Michael Linden, Teltow, Hans-Peter Volz, Werneck, Hans-Ulrich Wittchen, Dresden, und Hans-Jürgen Möller, München
Ein Konsensuspapier

Die vorliegende Arbeit fasst das Ergebnis einer Konsensuskonferenz von Angstexperten zusammen. Die generalisierte Angststörung (GAD) ist eine häufige und schwerwiegende Erkrankung, die in der Primärversorgung häufig unterdiagnostiziert wird. Zu den Medikamenten der ersten Wahl zählen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) sowie der Calciumkanalmodulator Pregabalin. Trizyklische Antidepressiva sind ebenfalls wirksam, haben jedoch insgesamt mehr Nebenwirkungen als SSRI. Das Azapiron Buspiron war in einigen Studien wirksam, die Datenlage ist allerdings inkonsistent. Benzodiazepine haben eine gute angstlösende Wirkung, werden aber wegen einer möglichen Suchtgefahr nicht in der Dauerbehandlung eingesetzt. Auch die kognitive Verhaltenstherapie hat sich in kontrollierten Studien als wirksam erwiesen.

Schlüsselwörter: Generalisierte Angststörung, SSRI, SNRI, TZA, Pregabalin, Verhaltenstherapie

Drug treatment of generalized anxiety disorder (GAD) – a consensus statement

The present paper summarizes the results of a consensus conference of experts in the field of anxiety disorders. Generalized Anxiety Disorder (GAD) is a frequent and disabling illness, which is frequently underdiagnosed in primary care. First-line drugs for the treatment of GAD include selective serotonin reuptake inhibitors (SSRI), serotonin norepinephrine reuptake inhibitors (SNRI), and the calcium channel modulator pregabalin. Tricyclic antidepressants are equally effective, but are associated with more side effects. The efficacy of the azapirone buspirone was shown in a number of studies, however, results were inconsistent. Benzodiazepines have good anxiolytic properties, however, their use in longterm treatment is limited because of possible addiction problems. Also, cognitive behaviour therapy was shown to be effective in controlled studies.

Keywords: generalized anxiety disorder (GAD), selective serotonin reuptake inhibitors (SSRI), serotonin norepinephrine reuptake inhibitors (SNRI), pregabalin, cognitive behaviour therapy

Psychopharmakotherapie 2007;14:136–42.



Dieter Naber, Martin Lambert, Hamburg, Gerd Laux, Wasserburg, und Hans-Jürgen Möller, München

Schizophrene Patienten und ihre Angehörigen erwarten von ihrer Behandlung nicht nur eine schnelle Verbesserung der Symptomatik, sondern auch eine Wiederherstellung oder Verbesserung der Funktionsfähigkeit in den Bereichen Schule/Arbeit, der Fähigkeit, unabhängig zu leben und sozial integriert zu sein – alles Aspekte, die hinsichtlich einer adäquaten Lebensqualität von immenser Bedeutung sind. Um dem gerecht zu werden, ist es notwendig und sinnvoll, dass das bisherige Hauptziel der Schizophrenietherapie – die Reduktion der Symptome, also die Response – in Zukunft durch das Kriterium Remission ergänzt wird. Zu deren Definition lassen sich zwei Konzepte heranziehen, die eine langfristige Symptomkontrolle, aber auch patientenrelevante Outcome-Parameter wie Funktionalität und Lebensqualität beinhalten. Um diese dokumentieren und zuverlässig beurteilen zu können, wurde in den letzten Jahren einer Reihe neuer Messinstrumente entwickelt, die es nun in der Praxis zu etablieren gilt.

Schlüsselwörter: Funktionalität, Lebensqualität, Outcome-Domäne, Remission, Schizophrenie

Remission – patient-oriented criterion for lasting success of schizophrenia therapy

Schizophrenic patients and their relatives expect from their treatment not only a fast improvement of the symptomatology, but increasingly give factors such as functioning or social integration special emphasis evaluating the therapy success – inevitable aspects in achieving a job-related rehabilitation. In order to meet that, it is necessary and meaningful that the principal purpose of the schizophrenia therapy in the past – the reduction of symptoms or so called the response – in the future is supplemented by the criterion remission. For its definition two concepts can be consulted, which include long-term symptom control and in addition, patient-relevant outcome-parameters such as functionality and quality of life. In order to document and to judge these reliably a number of new measuring instruments have been developed in the last few years, which should now be established in practice.

Keywords: Functionality, quality of life, outcome-domain, remission, schizophrenia

Psychopharmakotherapie 2007;14:143–8.



Originalarbeiten
Hans-Jürgen Möller, München, Michael Friede, Hamburg, und Max Schmauß, Augsburg
Ergebnisse einer großen Anwendungsbeobachtung

Escitalopram (Cipralex®), das therapeutisch wirksame Enantiomer von Citalopram, ist ein hochselektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und ist in Deutschland seit 2003 verfügbar. Es ist zur Behandlung von Episoden einer Major Depression, zur Behandlung von Panikstörungen mit oder ohne Agoraphobie, sozialer Phobie und generalisierter Angststörung zugelassen. In einer offenen, multizentrischen Anwendungsbeobachtung wurden jetzt Wirksamkeit und Verträglichkeit der Escitalopram-Therapie bei der ambulanten Behandlung von depressiven Erkrankungen unter naturalistischen Bedingungen untersucht. Dabei wurden 11 760 Patienten über acht Wochen mit Escitalopram behandelt. Als Wirksamkeitsparameter wurden mit der Clinical Global Impression Scale der Schweregrad der Erkrankung (CGI-S) und die Verbesserung des klinischen Gesamteindrucks (CGI-I) erfasst. Der Schweregrad der Depression wurde mit einer modifizierten Version der Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (svMADRS) beurteilt. Im Verlauf der Anwendungsbeobachtung zeigten die Patienten eine deutliche Verbesserung des Schweregrads der Erkrankung (Abnahme des mittleren CGI-S von 4,7 auf 3,1; Abnahme des svMADRS-Summenwerts von 31,8 auf 12,4). Der klinische Gesamteindruck wurde bei der Abschlussbeobachtung durchschnittlich als „viel besser“ beurteilt (CGI-I: 1,9). Im Mittel erfolgte eine Veränderung des depressiven Zustands von einer schweren Depression hin zu einer leichten Depression oder Remission. An Nebenwirkungen zeigte sich das aus kontrollierten klinischen Studien bekannte Spektrum, wobei am häufigsten Übelkeit (Inzidenz 1,7 %), Angst (Inzidenz 0,7 %) und Schwindel (Inzidenz 0,6 %) verzeichnet wurden. Die meisten Patienten (91,6 %) bewerteten die Verträglichkeit von Escitalopram als sehr gut (61,9 %) oder gut (29,7 %). Zusammen mit den Ergebnissen der randomisierten kontrollierten Studien belegt die Anwendungsbeobachtung die hohe therapeutische Wirksamkeit der Escitalopram-Therapie bei gleichzeitig guter Verträglichkeit.

Schlüsselwörter: Cipralex®, Citalopram, Depression, Escitalopram

Treatment of depression with escitalopram: Results of a large post-marketing surveillance study

Escitalopram (Cipralex®), the therapeutically active enantiomer of citalopram, is a highly selective serotonin reuptake inhibitor. Escitalopram has been available since 2003 for the treatment of major depression, panic disorders, social phobia and generalized anxiety disorder. In an open, multicenter post-marketing surveillance study, efficacy and safety profile of treatment with escitalopram under naturalistic conditions was examined during ambulant treatment of depressive patients. A total of 11,760 patients were treated with escitalopram and were observed for eight weeks. Rating scales for the assessment of the severity of illness (CGI-S), the change in the state of the illness (CGI-I) and the severity of the depression (svMADRS) were used as therapeutic measures.

During the course of the study the patients showed a clear improvement in their severity of illness (decrease of mean CGI-S from 4.7 to 3.1; decrease of the mean svMADRS total score from 31.8 to 12.4). The mean improvement of the clinical global impression was judged “much better” (CGI-I: 1.9). On average the depressive state changed from a severe depression to a mild depression or remission.

An adverse drug reaction spectrum similar to that of controlled clinical studies with escitalopram was recorded, with nausea (incidence 1.7 %), anxiety (incidence 0.7 %) and vertigo (incidence 0.6 %) as most frequent adverse reactions. Most of the patients (91.6 %) evaluated the tolerability of escitalopram as very good (61.9 %) and good (29.7 %).

In conclusion, the observation study corroborates the high therapeutic efficacy of escitalopram treatment while confirming the good safety profile.

Keywords: Cipralex®, citalopram, depression, escitalopram

Psychopharmakotherapie 2007;14:149–56.



Alexander Brunnauer, Wasserburg, Gerd Laux, München/Wasserburg, Irmgard David, Elisabeth Geiger, Sandra Weigenand und Mirijam Fric, Wasserburg

Stationär behandelte depressive Patienten wurden randomisiert einer Gruppe, die entweder mit Reboxetin (n =20) oder Mirtazapin (n = 20) behandelt wurde, zugeteilt. Die Untersuchung fahrtüchtigkeitsrelevanter Leistungsparameter erfolgte vor medikamentöser Behandlung sowie nach sieben und nach 14 Tagen. Zum Einsatz kamen das computergestützte Act & React Testsystem (ART 90) und das Wiener Testsystem (WTS), mit denen visuelle Wahrnehmungsleistung, Reaktionsfähigkeit, Stresstoleranz, Konzentrationsfähigkeit und Vigilanz gemessen wurden. Zudem absolvierten die Patienten verschiedene Risikosimulationen an einem Fahrsimulator (FT-SR 200). Ergebnisse: Beide Behandlungsgruppen verbesserten sich bereits in dem 14-tägigen Behandlungsintervall signifikant hinsichtlich Reaktionsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit sowie Belastbarkeit. In der Risikosimulation am Fahrsimulator kam es zudem zu einem signifikanten Rückgang der Unfallhäufigkeit. Statistisch bedeutsame Unterschiede zwischen den beiden Behandlungsgruppen ergaben sich nicht. Schlussfolgerung: Die Fahrtüchtigkeit eines unter Reboxetin oder Mirtazapin zum Teil remittierten Patienten ist als günstiger einzuschätzen als die eines unbehandelten depressiven Patienten.

Schlüsselwörter: Fahrtauglichkeit, Antidepressiva, Fahrsimulation

Driving simulator performance and psychomotor function of depressive inpatients treated with reboxetine or mirtazapine

Depressive inpatients (n = 40) were randomly assigned to either a group treated with reboxetine (n = 20) or mirtazapine (n = 20). Patients were tested before pharmacologic treatment (t0), and on days 7 (t1) and 14 (t2) with computerized tests related to car driving skills. Data were collected with the Act and React Testsystem (ART 90) and the Wiener Testsystem (WTS) measuring visual perception, reactivity, stress tolerance, selective attention and vigilance. In addition, the patients went through various risk simulations on a static driving simulator (FT-SR 200). Results: Especially in tests measuring reactivity, concentration and stress tolerance significant improvements within 14 days of pharmacologic treatment in both treatment groups could be observed. Besides, the frequency of accidents in the risk simulations decreased significantly. Significant differences between treatment groups could not be shown. Conclusions: Our results indicate that partially remitted depressed inpatients treated with reboxetine or mirtazapine show a better performance on tasks related to driving ability than untreated depressives.

Keywords: Driving ability, antidepressants, driving simulator

Psychopharmakotherapie 2007;14:157–62.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Detlef Degner, Göttingen, Renate Grohmann, München, Eckart Rüther und Stefanie Spiegel, Göttingen

In einer Falldarstellung berichten wir über einen 30-jährigen Patienten mit einer Schizophrenia simplex, der unter einer Tagesdosis von 10 mg Aripiprazol zwölf Tage nach Medikationsbeginn eine schwere Akathisie und innere Unruhe entwickelte, die sich bis zur akuten Suizidalität steigerte. Nach Absetzen der Substanz klang die Symptomatik innerhalb von elf Tagen komplett ab. Diese unerwünschte Arzneimittelwirkung wurde im Rahmen des AMSP-Projekts (Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie) dokumentiert und ausgewertet. Die Kasuistik unterstreicht die große klinische Relevanz unerwünschter Arzneimittelwirkungen und die Bedeutung von Pharmakovigilanz-Projekten.

Schlüsselwörter: Aripiprazol, AMSP, Akathisie, Suizidalität, UAW

Psychopharmakotherapie 2007;14:163–5.



Referiert & kommentiert
Dr. Nana Mosler, Leipzig
Escitalopram befreit auch von Zwängen

Der hochselektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Escitalopram wurde unlängst für die fünfte Indikation zugelassen. Neben den Indikationen Depression, Panik, soziale Phobie und generalisierte Angststörung kann man Patienten nun auch wegen Zwangsstörungen behandeln. Da nahezu 80 % der Zwangserkrankten mindestens eine komorbide psychische Störung aufweisen, scheint es therapeutisch sinnvoll, ein Medikament mit vielen Erfolg versprechenden Optionen einzusetzen.



Gabriele Blaeser-Kiel, Hamburg
Behandlung mit Bupropion ohne Störung der Sexualfunktionen

Antidepressiva, die regulierend in das serotonerge System eingreifen, verursachen bei 30 bis 70 % der Patienten Sexualfunktionsstörungen. Bei dem jetzt auch in Deutschland „on Label“ verfügbaren Bupropion, das selektiv die noradrenge und dopaminerge Transmission verbessert, ist diese Therapielimitation nicht zu befürchten.



Bettina Martini, Memmingen
Suizidgefahr bei Kindern und Jugendlichen erhöht

Während einer Therapie mit Antidepressiva wurde bei schwer depressiven Kindern und Jugendlichen, nicht aber bei Erwachsenen eine erhöhte Rate von Suizidversuchen und erfolgten Suiziden beobachtet. So das Ergebnis einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie. Die Risikogruppe von depressiven Kindern und Jugendlichen sollte daher besonders gründlich überwacht werden.



Dr. med. Julia Hofmann, Grafing
Früher Wirkungseintritt von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern

Bei Patienten mit unipolarer Depression ist die Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) mit Verbesserungen von Depressions-Symptomen am Ende der ersten Therapiewoche assoziiert, so das Ergebnis eines systematischen Reviews und einer Metaanalyse. Weitere Verbesserungen können bis mindestens Woche 6 beobachtet werden.



Bettina Martini, Memmingen
Migräne mit Aura assoziiert mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko

In einer großen prospektiven Kohortenstudie mit fast 28 000 Frauen wurden in der Untergruppe der Frauen, die an Migräne mit Aura litten, signifikant mehr schwere kardiovaskuläre Ereignisse beobachtet als bei Frauen ohne Migräne. Bei Migräne-Patientinnen, die keine Aura verspürten, ergab sich kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.



Dr. Annemarie Möritz, Sursee (Schweiz)
Infektiöse Mononukleose und niedrige Vitamin-D-Spiegel als Risikofaktoren

Nach den Ergebnissen zweier kürzlich veröffentlichter epidemiologischer Studien aus Dänemark und den USA sind eine infektiöse Mononukleose und niedrige Vitamin-D-Spiegel im Serum potenzielle Risikofaktoren für die Entwicklung einer multiplen Sklerose.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Rezidivprophylaxe mit Paliperidon ER

Das atypische Antipsychotikum Paliperidon in einer oralen Formulierung mit verzögerter Freisetzung (extended release, ER) kann mit Erfolg in der Rezidivprophylaxe bei Schizophrenie eingesetzt werden. Ergebnisse einer entsprechenden Plazebo-kontrollierten Doppelblindstudie und weitere neue Daten zur Wirkung von Paliperidon wurden bei zwei Presseworkshops der Firma Janssen-Cilag vorgestellt.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Auch auf die somatische Gesundheit achten!

Schizophreniepatienten haben aufgrund ihrer psychischen Erkrankung und teilweise aufgrund der Medikation auch ein erhöhtes Risiko für somatische Erkrankungen, das zu einer verkürzten Lebenserwartung beiträgt. Die psychiatrische Störung sollte daher nicht isoliert betrachtet werden.