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14. Jahrgang Heft 1 Februar 2007

Editorial
Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, München


Übersichten
Eckart Rüther, Göttingen/München, Frank Schreyger und Ute Vögtle-Junkert, Sankt Augustin
Ein Review zu Wirksamkeit und Verträglichkeit

Sulpirid (Meresa®, Meresa® forte) ist ein selektiver Antagonist prä- und postsynaptischer Dopamin-D2-Rezeptoren. Über diesen Wirkungsmechanismus besitzt es neben dem bekannten neuroleptischen Effekt eine antidepressive, aktivierende Wirkung, die sich in niedrigeren Dosierungen bis etwa 400 mg einstellt. Die Vielzahl kontrollierter klinischer Studien zeigt, dass Sulpirid bei depressiven Störungen Plazebo deutlich überlegen ist und die Wirksamkeit mit der von trizyklischen Antidepressiva verglichen werden kann, bei meist deutlich schnellerem Wirkungseintritt. Die jahrzehntelange Erfahrung in der ärztlichen Praxis und umfangreiche Anwendungsbeobachtungen aus den letzten Jahren belegen, dass Sulpirid gut verträglich ist: Die typischen anticholinergen Nebenwirkungen der trizyklischen Antidepressiva oder die unerwünschten Effekte auf die Kreislaufregulation der MAO-Hemmer kommen deutlich seltener vor. Auch ist die Gefahr von Überdosierungen gering, zumal die empfohlene Dosis bei Psychosen das 3- bis 4fache der empfohlenen Dosierung bei Depressionen beträgt. Die nachgewiesene, antriebssteigernde antidepressive Wirkung, der rasche Wirkungseintritt, das Fehlen von Carry-over-Effekten bei Beendigung der Behandlung, die gute Verträglichkeit und sichere Anwendung machen Sulpirid zu einem Mittel der Wahl in der Behandlung der Depression und zu einer sinnvollen Alternative bei mangelnder Wirksamkeit oder Verträglichkeit anderer Antidepressiva.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, Sulpirid, Depression, Wirksamkeit, Verträglichkeit

Sulpiride in the treatment of depression – a review on safety and efficacy

Sulpiride (Meresa®) is a selective antagonist of pre- and postsynaptic dopamine D2 receptors. Via this mechanism of action it has, in addition to its known neuroleptic effct, an antidepressive, activating effect arising in rather low dosages up to approx. 400 mg. The multitude of controlled clinical studies show that sulpiride is intelligibly superior to placebo in depressive disorders and its efficacy comparable to the one of tricyclic antidepressants with a distinctly more rapid onset of action in most cases.

The long lasting experience in medical practice as well as extensive post-marketing surveillance studies from recent years support that sulpiride is well tolerated: the typical anticholinergic side-effects of tricyclic antidepressants or the undesired effects on the circulatory regulation af MAO inhibitors occur much rarer. The risk of overdosage is also low, the more so as the recommended dose for psychoses is 3- to 4-fold higher than the one for depressions.

The proven drive-enhancing, antidepressive effect, the quick onset of action, the lack of carry-over effects upon treatment cessation, the good tolerability and safe administration make sulpiride a drug of choice in the treatment of depression and a sensible alternative if the efficacy or tolerability of other antidepressant agents is unsatisfactory.

Keywords: Antidepressives, sulpiride, depression, efficacy, tolerability

Psychopharmakotherapie 2007;14:3–13.



Hans-Jürgen Möller, München, Matthias C. Angermeyer, Leipzig, Borwin Bandelow, Göttingen, Michael Deuschle, Mannheim, Werner Kissling, München, Michael Linden, Berlin, Dieter Naber, Hamburg, Max Schmauß, Augsburg, und Ulrich Voderholzer, Freiburg
Basis für ein erfolgreiches Therapiekonzept

Der Begriff „Compliance“ ist ein Maß für die Behandlungsgüte und beschreibt, inwieweit die faktische Therapie mit einem Therapieoptimum, zum Beispiel einer Medikationsverordnung übereinstimmt, ob ein Patient die Medikation wie verordnet einnimmt oder an anderen Therapiemaßnahmen regelmäßig teilnimmt. Nach dem heutigen Verständnis vom Arzt-Patienten-Verhältnis sind das Therapieziel und auch die Therapiemaßnahmen von Arzt und Patient gemeinsam festzulegen. Der Grad, zu dem sie dann auch umgesetzt werden, also der Grad der Compliance, hängt von vielen Faktoren ab. Welche Faktoren dies in Bezug auf die Schizophrenie und, daraus abgeleitet, in Bezug auf bipolare Störungen sind, wird im Folgenden betrachtet.

Schlüsselwörter: Compliance, Schizophrenie, bipolare Störungen, Psychoedukation

Compliance in schizophrenia and comparable psychotic disorders

The term “compliance” is a measure for the quality of treatment. It describes to what extent the actual therapy matches a therapeutic optimum (e.g. a medication prescription), i.e., if the patient takes his medication as prescribed or takes part in other therapeutic measures. According to the current understanding of the relation between physician and patient, the therapeutic aim and measures are to be determined conjointly by physician and patient. To what extent these measures are put into practice, i.e. the compliance rate, is influenced by many factors. These factors are considered with regard to schizophrenia and bipolar disorders.

Keywords: Compliance, schizophrenia, bipolar disorder, psychoeducation

Psychopharmakotherapie 2007;14:14–22.



Originalarbeit
Reinhard J. Boerner, Quakenbrück, Mario Garziella, Kerpen, und Ulrike Achenbach, Königswinter
Ergebnisse einer offenen ambulanten Studie

In einer offenen, ambulanten Studie wurden 299 Patienten mit der Hauptdiagnose einer generalisierten Angststörung (86,9 %) mit Hydroxyzin (z. B. Atarax®) in einer Dosierung von durchschnittlich 45 mg über vier Wochen von Allgemeinmedizinern und Nervenärzten behandelt. Der HAMA-Wert der Patientengruppe fiel von initial 25,5 Punkten auf 10,4 Punkte (p < 0,001). Das Responsekriterium einer 50%igen Verbesserung erreichten nach vier Wochen 61,5 % der Patienten, das Kriterium der Vollremission (HAMA ≤ 7) 42,2 %. Ähnlich deutliche, signifikante Veränderungen konnten auf der neuen Fremdrating-Skala, der Boerner-Angst-Skala (BOEAS), nachgewiesen werden, wie auch in der Selbstbeurteilung der Patienten (DANDTE). Neben der Verbesserung der spezifischen GAS-Symptomatik erwies sich Hydroxyzin auch in der Beeinflussung weiterer Angstsymptome, wie phobischer Symptomatik oder Panikattacken, als sehr wirksam. Darüber hinaus konnten auch Depressionssymptome verbessert werden. Die Wirksamkeit der Substanz wurde am Ende der Behandlung aus Arzt- und Patientensicht von 78 % als sehr gut oder gut eingeschätzt. Lediglich 5,7 % der Ärzte sowie 6,4 % der Patienten hielten sie für ungenügend. Die Verträglichkeit wurde ärztlicherseits von 89,3 % mit gut bis sehr gut eingeschätzt, 25 Patienten (7 %) brachen die Behandlung ab, davon acht, weil keine Beschwerden mehr vorlagen; als Nebenwirkung wurde vor allem über Müdigkeit berichtet. Hydroxyzin zeigte sich somit als wirksame und gut verträgliche Substanz, mit der Patienten mit GAS und erweiterter Angstsymptomatik sehr gut und nebenwirkungsarm behandelbar sind.

Schlüsselwörter: Generalisierte Angststörung (GAS), Hydroxyzin, HAMA, BOEAS, DANDTE, ärztliche Grundversorgung (primary care)

Efficacy and tolerance of hydroxyzine in the treatment of patients with generalized anxiety disturbance (GAD) – Results of an open, ambulant study

A total of 299 patients diagnosed to have either GAD (86.9 %) were treated by general practitioners or neurologists with hydroxyzine (e.g, Atarax®) in a dosage of on the average 45 mg for four weeks in an open, ambulant study.

The HAMA value of the patient group fell (0.001 %) from an initial 25.5 points to 10.4 points, a highly significant result. The response criterion of 50 % improvement was reached after four weeks by 61.5 % of the patients, and the criterion of full remission (HAMA  7), by 42.2 %. Similarly highly significant changes could be detected with the new foreign rating scale, the Boerner Anxiety Scale (BOEAS), and also the self-rating scale of the patients (DANDTE). Besides improving the specific GAD symptoms, hydroxyzine also proved very effective in influencing other anxiety symptoms such as phobic symptoms or panic attacks. Moreover, even symptoms of depression were improved.

At the end of treatment both physicians and patients estimated the efficacy of the substance to be very good or good (78 %). Only 5.7 % of the physicians and 6.4 % of the patients considered it insufficient. The physicians considered the drug’s tolerance to be good to very good (89.3 %); 25 patients (7 %) stopped the treatment, eight because they did not have any more complaints. Tiredness was the main side effect reported.

Hydroxyzine thus proved to be an effective and well tolerated substance, with which patients with GAD and more extensive anxiety symptoms can be treated very well and which causes only minimal side effects.

Keywords: Generalized anxiety disorder (GAD), hydroxyzine, HAMA, BOEAS, DANDTE, primary medical care

Psychopharmakotherapie 2007;14:23–30.



Diskussionsforum
Stefanie Becker, Kiel, und Elmar Habermeyer, Rostock
Eine Kasuistik

Mit zunehmender Verbreitung naturheilkundlicher Arzneimittel werden signifikante Wirkungen, aber auch mögliche Wechsel- und Nebenwirkungen dieser Präparate entdeckt. In der vorgestellten Kasuistik entwickelte eine 60-jährige Patientin, bei der in der Vorgeschichte eine rezidivierende depressive Störung bekannt war, ein depressives Rezidiv, was auf eine mangelnde gastrointestinale Absorption des verabreichten Antidepressivums Citalopram durch die zeitgleiche eigenständige Einnahme von Heilerde gegen Refluxbeschwerden zurückgeführt werden konnte. „Heilerde“ ist ein weitverbreitetes naturheilkundliches Präparat, das bei innerlicher Anwendung unterschiedliche gastrointestinale Beschwerden durch Absorption von Magen- und Gallensäure lindern soll. Nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte tendieren dazu, die Nebenwirkungen und das Interaktionspotenzial von naturheilkundlichen Präparaten zu unterschätzen. Angesichts der weiten Verbreitung dieser Arzneien sollte auch der Psychiater bei der Erhebung der Medikamentenanamnese stets nach dem Einsatz von naturheilkundlichen Substanzen fragen.

Schlüsselwörter: Antidepressiva, Naturheilkunde, Phytopharmaka, Interaktionen

Healing earth as a contributory factor in the recurrence of depression – A case report

As the use of natural medicines becomes increasingly widespread, the possible interactions of these substances are receiving increasing attention. Critics have started to call for more attention on the part of medical practitioners. A 60-year old patient with a history of recurrent depressive disorders once again developed depressive symptoms. In this case an inhibited absorbtion of her antidepressant medication with citalopram caused by the independent use of “healing earth” against reflux symptoms has been a contributory factor in the recurrence of her depression. “Healing earth” is a widely used natural medicine which is believed to alleviate a number of gastro-intestinal complaints by absorbing both gastric and bile acids. Not only patients but also medical practitioners tend to underestimate the possible side effects and interactions of herbal remedies and fail to ask patients about the use of natural medicines. In view of the widespread use of natural remedies, psychiatrists should always ask patients whether they take such remedies because of possible interactions with psychotropic drugs.

Keywords: Antidepressive agents, complementary therapy, alternative medicine, herbal remedies, interactions

Psychopharmakotherapie 2007;14:31–3.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Thomas Gärtner, Daniel Birkfeld, Marsberg, Renate Grohmann, München, und Stefan Bender, Marsberg

Bei einem 38-jährigen, minderbegabten Patienten trat im Anschluss an eine Levomepromazin-induzierte Agranulozytose eine schwere Thrombozytopenie unter einer erst wenige Tage bestehenden, niedrig dosierten Behandlung mit Quetiapin auf. Der im Rahmen des Arzneimittelüberwachungssystems „Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie“ (AMSP) erfasste Fall zeigt einen typischen Zeitverlauf einer medikamenteninduzierten Thrombozytopenie, die unter Quetiapin bislang aber noch nicht in der Literatur beschrieben wurde.

Schlüsselwörter: Thrombozytopenie, Quetiapin, AMSP

Severe thrombocytopenia with quetiapine shortly after a levomepromazine-induced agranulocytosis

A mentally retarded 38-year old male patient developed a severe thrombocytopenia while treated with low dosed quetiapine for just a few days after suffering from a levomepromazine-induced agranulocytosis. This case was recorded by the AMSP (Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie) drug safety program and demonstrates a typical time response of a drug-induced thrombocytopenia not yet described for quetiapine in the literature before.

Keywords: Thrombocytopenia, quetiapine, AMSP

Psychopharmakotherapie 2007;14:34–6.



Referiert & kommentiert
Dr. H. Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Rasagilin in der Früh- und Kombinationstherapie

Der irreversible Monoaminoxidase-(MAO-)B-Hemmer Rasagilin wird inzwischen in internationalen Leitlinien als eine Therapie der ersten Wahl bei früher und bei fortgeschrittener Parkinson-Krankheit genannt. Den Hinweisen auf eine krankheitsmodifizierende Wirkung wird in einer Langzeitstudie nachgegangen.



Dr. H. Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Entacapon und Cabergolin im Vergleich

Bei älteren Parkinson-Patienten, die nach mehrjähriger Levodopa-Behandlung unter motorischen Fluktuationen litten, verringerte sich die tägliche Off-Zeit unter einer Zusatzbehandlung mit Entacapon (Comtess®) oder Cabergolin (Cabaseril®) in vergleichbarem Maße. Der statistische Nachweis der Gleichwertigkeit beider Therapien wurde allerdings knapp verfehlt.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Monotherapie mit Levetiracetam ist Carbamazepin ebenbürtig

In einer Nicht-Unterlegenheitsstudie gemäß der neuen Richtlinie der europäischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde zeigte Levetiracetam eine vergleichbare Wirksamkeit wie verzögert freigesetztes Carbamazepin. Die Studie ist nach den Kriterien der internationalen Liga gegen die Epilepsie (ILAE) als hochwertige (Level 1) Studie einzustufen.



Martin Bischoff, Planegg
Natriumoxybat regelt die gestörte Schlafarchitektur

Natriumoxybat, das Natriumsalz der Gammahydroxybuttersäure, wurde 2005 zur Behandlung der Narkolepsie mit Kataplexie in Deutschland zugelassen. Anders als in den USA wird es hierzulande nur zögerlich angewendet. Der Nutzen der Therapie für die Patienten wird offensichtlich weniger wahrgenommen als das Suchtpotenzial bei missbräuchlicher Anwendung.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Therapieerfahrungen mit Zonisamid

Seit seiner Marktzulassung in Deutschland im Jahr 2005 erweist sich Zonisamid (Zonegran®) auch in der Praxis als verlässliche Therapieoption bei schwer behandelbaren fokalen Epilepsien. Zudem gibt es Hinweise, dass Zonisamid auch in der frühen Kombinationstherapie fokaler Epilepsien sinnvoll ist.