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13. Jahrgang Heft 5 Oktober 2006

Editorial
Heinz Reichmann, Dresden


Übersichten
Astrid Gendolla und Hans Christoph Diener, Essen

Topiramat ist als Topamax® Migräne zur Prophylaxe der Migräne in Deutschland zugelassen. Die Wirksamkeit von Topiramat in der Migräneprophylaxe wurde in drei großen, Plazebo-kontrollierten, randomisierten Studien belegt. Dosierungen zwischen 25 und 200 mg/d wurden untersucht und waren mit einer Ansprechrate von rund 50 % migräneprophylaktisch wirksam. Die empfohlene Dosis liegt zwischen 50 und 100 mg pro Tag, da bei einer Dosierung über 100 mg Nebenwirkungen zunehmen. Nebenwirkungen leichterer Art sind Kribbelparästhesien oder Geschmacksveränderungen. Zu Studienabbrüchen führten Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Gedächtnisstörungen, Wortfindungsstörungen, Angstgefühle sowie Müdigkeit. Ein positiver Nebeneffekt ist für viele Patienten die mögliche Gewichtsreduktion. Treten Wortfindungsstörungen auf, sollte die Substanz abgesetzt werden. Darüber hinaus wurden zwei randomisierte Studien mit Topiramat bei Patienten mit chronischer Migräne mit und ohne medikamenteninduzierten Kopfschmerz durchgeführt und mittlerweile ausgewertet. Die Veröffentlichung dieser Studien steht jedoch noch aus.

Schlüsselwörter: Migräne, Prophylaxe, Topiramat

Migraine prophylaxis with topiramate

Topiramate is approved in Germany for the prophylaxis of migraine. Patients with frequent migraine attacks do need prophylactic treatment. Migraine prophylaxis with topiramate has been shown to be effective in three placebo-controlled, randomized trials for preventive migraine therapy. Effective doses range between 15 and 100 mg per day, doses above 100 mg lead to more side effects. Adverse events include paresthesia, loss of appetite, dizziness, insomnia, anxiety and difficulties finding words. Topiramate might be also effective in the treatment of chronic migraine with or without medication overuse.

Keywords: Migraine, prophylaxis, topiramate

Psychopharmakotherapie 2006;13:184–90.



Svenja Happe, Bremen

Das Restless-Legs-Syndrom ist charakterisiert durch Missempfindungen der Beine, assoziiert mit einem Bewegungsdrang. Diese Symptome treten in Ruhe und während der Nacht auf und können durch Aktivität gelindert werden. Eine Behandlung mit Levodopa führt zu einer Besserung der Symptome, es kann aber eine Augmentation auftreten, die die Langzeitbehandlungsmöglichkeiten mit diesem Medikament limitiert. Dopaminagonisten ermöglichen eine wirkungsvolle Therapie des Restless-Legs-Syndroms mit seltener auftretender Augmentation und guter Verträglichkeit. Die Non-Ergot-Dopaminagonisten Pramipexol (Sifrol®) und Ropinirol (Adartrel®) haben im Frühjahr dieses Jahres die Zulassung zur Behandlung des Restless-Legs-Syndroms in Deutschland bekommen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Behandlung des Restless-Legs-Syndroms im Allgemeinen und die Rolle der Dopaminagonisten im Besonderen.

Schlüsselwörter: Restless-Legs-Syndrom (RLS), Behandlung, Dopaminagonist, Levodopa

Dopamine agonists for treatment of restless legs syndrome

The restless legs syndrome (RLS) is characterized by dysaesthesias of the legs associated with an urge to move which occurs at rest and during the night and can be ameliorated by activity. Treatment with levodopa leads to symptom relief, but augmentation may occur, limiting the long-term treatment options of this drug. Dopamine agonists are widely used as an effective treatment for RLS with less augmentation and good tolerability. During spring, the non-ergoline dopamine agonists pramipexole (Sifrol®) and ropinirole (Adartrel®) got approval for treatment of RLS in Germany. This article gives an overview of the treatment of RLS in general and the role of dopamine agonists in RLS in particular.

Keywords: Restless legs syndrome (RLS), treatment, dopamine agonist, levodopa

Psychopharmakotherapie 2006;13:191–6.



Geert Mayer, Schwalmstadt-Treysa

Die Narkolepsie ist eine lebenslang anhaltende neurodegenerative Erkrankung, die zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität führt. Das Hauptsymptom Tagesschläfrigkeit konnte bisher nur mit Stimulanzien, das weitere Hauptsymptom Kataplexie mit Antidepressiva behandelt werden, der fraktionierte Nachtschlaf mit Hypnotika. Natriumoxybat ermöglicht es, diese Symptome mit einer Substanz zu behandeln. Natriumoxybat (Gammahydroxybuttersäure) ist Bestandteil des Gehirns und besitzt neuromodulatorische Eigenschaften für verschiedene Transmittersysteme. Es wird seit etwa 1980 zur Therapie der Narkolepsie eingesetzt. Der Artikel gibt eine Übersicht über die seit 2005 zur Behandlung der Kataplexie in Deutschland zugelassene Substanz.

Schlüsselwörter: Narkolepsie, Kataplexie, Tagesschläfrigkeit, Natriumoxybat

Sodium oxybate in the treatment of narcolepsy

Narcolepsy is a lifelong lasting neurodegenerative disorder, which causes considerable impairment of quality of life. So far, the treatment for one of the main symptoms excessive daytime sleepiness was restricted to stimulants, whereas the other main symptom, cataplexy, was treated with antidepressants, and fragmented sleep with hypnotics. Sodium oxybate allows to treat all of these symptoms with a single drug. Sodium oxybate is produced within the brain and serves as a neuromodulator on several neurotransmitters. It has been used for the treatment of narcolepsy since 1980.

This article gives an overview of the substance, that has been approved by the German health authorities in 2005.

Keywords: Narcolepsy, cataplexy, excessive daytime sleepiness, sodium oxybate

Psychopharmakotherapie 2006;13:197–201.



Originalarbeiten
Cornelis Stadtland und Norbert Nedopil, München
Eine retrospektive Erhebung

Antiaggressive medikamentöse Behandlungen im Maßregelvollzug sind in Deutschland noch unzureichend untersucht. In dieser Untersuchung wurden 35 stationäre Maßregelvollzugspatienten vor und nach einer mindestens 12-wöchigen Therapie mit Olanzapin beobachtet. Die Patienten zeigten im Therapieverlauf zunehmende Krankheitseinsicht und Therapiemotivation sowie selbstkritischeren Umgang mit der Delinquenz. Die Impulsivität nahm ab. Zusammenfassend ergaben sich Hinweise, dass Olanzapin aggressive Symptome von Maßregelvollzugspatienten vermindern kann.

Schlüsselwörter: Olanzapin, Aggressionen, Maßregelvollzug, Krankheitseinsicht, Delinquenz

Olanzapine and the treatment of aggressive behavior in forensic-psychiatric patients. A retrospective evaluation

The purpose of this study was to investigate the influence of olanzapine on aggressive behavior in forensic psychiatric patients. A retrospective study design monitored the progress of 35 patients (schizophrenia: n = 23; personality disorder: n = 6; intelligence deficits: n = 4, neurotic: n = 1 and organic disorder: n = 1) in maximum-security hospitals who were treated with olanzapine. The clinical variables on the ILRV were evaluated. A significant reduction in aggressive behavior was observed in all diagnostic groups. Insight into disorders, delinquency, and the motivation for treatment increased, whereas impulsivity decreased. Olanzapine may be an effective treatment for aggressive behavior in maximum-security hospitals.

Keywords: olanzapine, aggressive behavior, forensic psychiatry, insight, delinquency

Psychopharmakotherapie 2006;13:202–4.



Frank Häßler, Rostock

In den letzten 10 Jahren hat sich das Wissen über die Gesundheit von Menschen mit geistiger Behinderung und die damit assoziierten Probleme immens erweitert. Es kann davon ausgegangen werden, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung, nicht nur Trisomie-21-Betroffene, früher als nicht geistig Behinderte an einer Demenz erkranken und einen foudroyanteren Verlauf aufweisen. Unter dem Aspekt der Lebensqualität, der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der möglichst frühen Intervention bei psychiatrisch relevanten Symptomen eines demenziellen Prozesses kommt einer adäquaten Therapie mit Antidementiva ein hoher Stellenwert zu. Dabei steht der Einsatz von Acetylcholinesterase-Hemmern im Vordergrund. Entsprechend solchen Empfehlungen wurden 3 Patienten (1 w, 2 m) mit einem IQ unter 75 auf den Acetyl- und Butyrylcholinesterase-Hemmer Rivastigmin (Exelon®) eingestellt. Die primäre Einschätzung und die Verlaufseinschätzung der Demenz erfolgte mit der Global Deterioration Scale (GDS) und der modifizierten Epworth Sleepiness Scale (ESS). Die evaluierte Behandlungsdauer lag zwischen 6 und 12 Monaten, die Dosierung zwischen 1,5 und 4,5 mg/d. Die Behandlungsergebnisse bei diesen Patienten untermauern die bereits in größeren Studien nachgewiesene kognitive Wirksamkeit und Sicherheit des relativ hirnselektiven Acetyl- und Butyrylcholinesterase-Hemmers Rivastigmin. Nebenwirkungen traten im gewählten Dosierungsbereich nicht auf. Über einen längeren Zeitraum konnte verhindert werden, dass die Patienten vollends zu Pflegefällen wurden.

Schlüsselwörter: Geistige Behinderung, Demenz, Rivastigmin

Rivastigmin in the therapy of dementia in patients with mental retardation

Over the last 10 years the knowledge about the health of mentally handicapped patients (life-time prevalence 2–3 %) and health-hazards associated with mental retardation has increased substantially. As it was shown in other studies, patients diagnosed with mental retardation not only fall ill with dementia at earlier ages, but also show a more foudroyant course of the disease. These results not only regard to patients suffering from trisomie 21, but to patients diagnosed with mental retardation. Early treatments of psychiatric symptoms of dementia help to increase or maintain both, quality of life and social participation of these patients. Early interventions with anti-dementia drugs play a central role within this kind of treatment, often using acetylcholinesterase-inhibitors (AChE-inhibitors).

3 patients (1 m, 2 f) showing an IQ below 75 were adjusted to rivastigmin. Degree and development of dementia were assessed using the Global Deterioration Scale (GDS) and a modified version of the Epworth Sleepiness Scale (ESS). The treatment lasted between 6 and 12 months. The dose applicated was between 1.5 and 4.5 mg/d. As shown in larger studies the effectiveness of rivastigmin on cognitive functioning was proved in all three instances. Rivastigmin, a brain selective AChE-inhibitor of the carbamat-type, was proved to be safe and having no side effects. During the time of treatment all three patients kept a relatively higher quality of life meaning that they were not to be classified as cases for nursing.

Keywords: Mental retardation, dementia, rivastigmin

Psychopharmakotherapie 2006;13:205–9.



Arzneimittelsicherheit/AMSP
Dietrich Kölsch, Königsbronn

Eine 30-jährige Patientin wurde im Rahmen einer stationären psychiatrischen Behandlung bei schwerer Depression mit einer Kombination von Amitriptylin, Paroxetin und Valproinsäure behandelt. Hierunter konnte eine Besserung der depressiven Symptome erreicht werden, jedoch keine Remission. Im Rahmen einer Medikationsumstellung kam es nach leichter Reduktion der Valproinsäure-Dosis zu einem Grand-Mal-Anfall. Die anschließende Überprüfung der Medikamentenspiegel ergab einen leicht erhöhten Amitriptylin-Spiegel sowie einen toxisch erhöhten Nortriptylin-Spiegel. Der Paroxetin-Spiegel lag im therapeutischen Bereich, der Valproinsäure-Spiegel etwas darunter. Nach Umstellung auf eine Kombinationsbehandlung mit 30 mg Escitalopram und 8 mg Reboxetin kam es zu einer Vollremission der depressiven Symptomatik. Die Nortriptylin-Spiegel sanken langsam, weitere Krampfanfälle traten nicht mehr auf. Die Erklärung der beobachteten unerwünschten Wirkungen liegt vermutlich in einer kompetitiven Hemmung des Abbaus von Nortriptylin und Paroxetin am Isoenzym CYP2D6 in der Leber. Zusätzlich kann, bei bekanntem Polymorphismus, eine verringerte Aktivität der relevanten Cytochrom-P450-Isoenzyme eine Rolle bei der vorliegenden Intoxikation gespielt haben. Anhand dieses Fallbeispiels sollen Fragen der Medikamenteninteraktion bei antidepressiver Kombinationsbehandlung mit trizyklischen Antidepressiva diskutiert werden.

Schlüsselwörter: Amitriptylin, Paroxetin, Depression, Intoxikation

Grand-mal seizure in a combined amitriptyline and paroxetine treatment

A thirty year old female patient was treated with a combined drug therapy of amtriptyline, paroxetine and valproic acid in the course of severe depression. Improvements of the depressive symptoms but no remission were achieved under this regime. A reduction of valproic acid was followed by a grand mal seizure. The control of drug plasma levels showed normal results for paroxetine and valproic acid, slightly elevated levels for amitriptyline, but severely elevated levels for nortriptyline, a metabolite of amitriptyline. The medication was therefore changed; the above mentioned drugs were replaced by escitalopram and reboxetine. The result was a complete remission of depressive symptoms in the patient and there occurred no further drug-induced side-effects.

The explanation for the observed side effects lies in the competitive inhibition of drug metabolism between nortriptyline and paroxetine in the liver, since both substances are metabolized by the same isoenzyme of the cytochrome P450 system. In addition, there is a genetic polymorphism known for the responsible cytochrome isoenzyme 2D6. About 7 to 10 percent of the middle European population are poor metabolizers with reduced activity of the CYP2D6 isoenzyme. In accordance with this example the risks of combined antidepressive treatment, including tricyclic antidepressants, shall be discussed.

Keywords: Amitriptyline, paroxetine, depression, intoxication

Psychopharmakotherapie 2006;13:210–1.



Diskussionsforum
Jürgen Fritze, Pulheim


Referiert & kommentiert
Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart
Anhaltende Schubfreiheit mit Natalizumab

Der Adhäsionsmolekül-Inhibitor Natalizumab (Tysabri®) ist wieder zur Monotherapie bei schubförmiger multipler Sklerose zugelassen. Inzwischen liegen Daten zur zweijährigen Anwendung vor, die belegen, dass Natalizumab die Schubrate anhaltend um zwei Drittel reduziert, die Behinderungsprogression um 42 %.



Rivastigmin als Pflaster


Prof. Dr. med. H. C. Diener, Essen
Dexanabinol bei traumatischen Hirnschäden nicht wirksam

Dexanabinol, ein synthetisches Cannabinoidanalogon, ist nach den Ergebnissen einer großen Plazebo-kontrollierten Studie nicht wirksam in der Behandlung schwerer traumatischer Hirnverletzungen.



Rosemarie Ziegler, Albershausen
Alzheimer-Prävention mit Diuretika?

Die Langzeit-Beobachtung der älteren Bevölkerung Utahs zeigte, dass bei Senioren, die regelmäßig blutdrucksenkende Arzneimittel einnahmen, seltener die Alzheimer-Krankheit auftrat. Kaliumsparende Diuretika reduzierten das Erkrankungsrisiko sogar um über 70 %.



Dr. Annemarie Musch, Stuttgart
Pregabalin – besonders günstiges Nutzen-Risiko-Profil?

Für Patienten mit generalisierter Angststörung steht seit März 2006 mit Pregabalin eine neue Behandlungsoption zur Verfügung. Pregabalin wirkte in randomisierten, doppelblinden, Plazebo-kontrollierten Phase-III-Studien rasch anxiolytisch. Aktuelle Daten wurden auf der Einführungspressekonferenz der Firma Pfizer in Frankfurt im Juni 2006 präsentiert.



Dr. Heike Oberpichler-Schwenk
Risiko eines Serotonin-Syndroms bei Kombination von „Triptanen“ mit Antidepressiva beachten

Bei der gleichzeitigen Einnahme von Serotonin-1B/1D-Agonisten („Triptanen“) und Antidepressiva, die die Serotonin-Wiederaufnahme hemmen, besteht prinzipiell das Risiko eines Serotonin-Syndroms. Die Food and Drug Administration (FDA) in den USA verlangt jetzt einen entsprechenden Warnhinweis in der Packungsbeilage der betroffenen Arzneimittel.



Dr. Barbara Kreutzkamp, München
Dosisreduktion, Umstellung oder symptomatische Therapie?

Sexuelle Funktionsstörungen unter Psychopharmaka können die Compliance beeinträchtigen. Häufig treten diese Nebenwirkungen unter den klassischen Neuroleptika, den trizyklischen Antidepressiva und den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern auf. Dosisreduktion, Substanzwechsel oder eine zusätzliche symptomatische Therapie zum Beispiel mit Sildenafil bieten sich zur Lösung dieser Probleme an.



Dr. Birgit Schindler, Freiburg
Alternativen nach Therapieversagen mit SSRI

Für depressive Patienten, bei denen die Behandlung mit einem SSRI unwirksam war, gibt es eine gute Nachricht: Ihnen kann entweder durch den Wechsel zu einem anderen SSRI oder durch zahlreiche weitere Psychopharmaka geholfen werden.



Gene und Umwelt wirken zusammen

Die Schizophrenieforschung hat in den letzten Jahren mehrere so genannte Suszeptibilitätsgene aufgedeckt, die mit einer erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit assoziiert sind – um so mehr in Verbindung mit ungünstigen Umweltfaktoren, von denen ebenfalls verschiedene charakterisiert wurden.